Zeitgeist, Zeitgenossenschaft und Zeitzeugen: Chinesische Fotografie im Oldenburger Kunstverein

Wandel und Wanderungen

Wang Qingsongs Triptychon; Present...

Von Rainer BeßlingOLDENBURG (Eig.Ber.) · Einigen müssten die Stühle bekannt vorkommen. Ai Weiwei hatte sie im Sommer 2007 auf die documenta bringen lassen. Sie flankierten die Reise von Landsleuten des chinesischen Künstlers nach Kassel. Tradition im Sitzmöbel und Gegenwart in Gestalt einer Abordnung von Menschen aus verschiedensten Gesellschaftsschichten und Regionen des Riesenreiches trafen sich in dem aufsehenerregenden Möbelrücken und Kunsttouristentransfer.

Im Oldenburger Kunstverein sind nun 15 der 1001 Stühle und 110 von 1001 Fotografien der Kasseler „Fairytale“ zu sehen. Blickfang und prominenter Anker einer Schau, die sich der zeitgenössischen chinesischen Fotografie widmet. Erst seit den 80er Jahren konnte sich das Medium in China eigenständig entfalten. Wie für die anderen Künste gilt auch hier: Der Blick der Bildautoren richtet sich auf den westlichen Betrieb, während in umgekehrter Richtung die Fotografien vorzugsweise nach dem Grad ihrer Regimekritik betrachtet und bewertet wurden. Dieser Blickwinkel dürfte der Vielfalt der ästhetischen Haltungen kaum gerecht werden.

In China selbst entwickelten sich unterdessen Wirtschaft und Gesellschaft mit den dazu gehörenden Außenbeziehungen und Außendarstellungen in rasantem Tempo. Konnten die Künstler dem Wandel folgen und eine öffentliche Rolle in der Begleitung und Bewertung der vielfachen sozialen und kulturellen Brüche einnehmen?

Die Oldenburger Ausstellung will sich der chinesischen Fotografie unter der Frage der „Zeitgenossenschaft als Zeitzeugenschaft“ nähern: „Inwieweit übernimmt Kunst die Funktion, Zeitgeist sichtbar zu machen? Wo beziehen Werke Position zum Status Quo des heutigen China und wenn ja, wie lässt sich der argumentative Rückraum dieser Positionierung fassen?“. Ein hoher Anspruch, den die Ausstellungstafel ausweist.

Vergangenheit und Gegenwart überblendet der in Peking lebende Wang Qingsong in seinem zehn Meter langen Fotoband „Night Revels of Lao Li“ (2000). Vorlage ist ein Rollbild aus dem 10. Jahrhundert, das in einer höfischen Szene Misstrauen des Herrschers, mutmaßliche Reformbestrebungen und die Rolle der Kunst in der Nähe oder gar in den Diensten der Macht thematisiert. Den der Regimekritik verdächtigen Hofbeamten der historischen Darstellung spielt in der neuen Coverversion ein bekannter Kunstkritiker, die Rolle des spionierenden Künstlers spielt der Fotograf selbst.

Real-sozialistische Monumentaldenkmäler zitiert Wang Qingsong in seinem Foto-Triptychon „Past, Present, Future“. Eine schmutzige, militärische Vergangenheit hat sich zu einer industrietechnisch glänzenden Gegenwart gemausert. Der Künstler als Beobachter der atmenden Skulpturen hat den Verband über den Kriegsverletzungen ab- und die Baseball-Mütze angelegt. Zwischen den beiden heroischen Figurenszenen in dynamischer Diagonale zeigt sich im Foto „Future“eine Menschengruppe frontal dem Betrachter. Die Körper sind in Gold gefasst, die Gesichter sind ausdruckslos. Hoffnung, Vision und Utopie sehen anders aus.

Während China offenbar die Ideale ausgehen, protzt das Land mit materiellen Gütern und Machtsymbolen. Der gleichfalls in Peking lebende Konzeptkünstler Liu Ding zeigt in einer Fotoserie das im Vorfeld der Olympischen Spiele gebaute CCTV-Gebäude, von der Bevölkerung „Unterhose“ genannt. Die futuristische Architektur des Sendezentrums weckt zwiespältige Gefühle. Liu Ding selbst gefällt die Irritation, die von dem Baukörper ausgeht und eine erstaunliche Offenheit des totalitären Regimes für eine dekonstruktivistische Formsprache widerspiegelt. Diese Öffnung lässt sich aber auch als souveräne Repräsentationsvariante eines Staates verstehen, der mit den Werken weltweit führender Baumeister seinen globalen Rang und internationalen Einfluss ausflaggt.

Die Thematisierung von Wertekanon und Toleranz findet sich in den Ausstellungsbeiträgen von Yang Fudong und Ma Liuming. Während Yang Fudong in seinen Schwarz-Weiß-Filmstills unter Rückgriff auf traditionelle chinesische Erzählungen Geschlechterrollen problematisiert und auf Homosexualität anspielt, zeigt sich der bekannte Performance-Künstler Ma Liuming nackt auf der Chinesischen Mauer als anydrogyne Kunstfigur. Provokant und verletzlich zugleich, tritt er für das Recht auf den eigenen Körper, für die Liebe zur eigenen Leiblichkeit ein.

In atmosphärisch dichten, malerischen, anrührenden Interieurs schildert der in Hong Kong geborene, nach Manchester emigrierte Dinu Li eine Reise an die Orte der Erinnerungen seiner Mutter. Schöner Titel der Foto-Serie: „Mother of all Journeys“.

Heute um 18.30 Uhr wird die Ausstellung im Kunstverein (Damm 2a) eröffnet. Um 20 Uhr startet im „bauwerk“ (Pferdemarkt 8a) die Schau „Zeitgenössische chinesische Architekten“.

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