Wallraff und das Theater: In Hannover eine nebulöse Mischung

Da hilft auch kein Superheld

Übermenschen gibt es auch nicht im Theater: Zumindest dieses Erkenntnis bleibt vom Abend in der Cumberlandschen Bühne.
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Übermenschen gibt es auch nicht im Theater: Zumindest dieses Erkenntnis bleibt vom Abend in der Cumberlandschen Bühne.

Hannover - Von Jörg Worat. Viel Rauch wabert da durch den kleinen Raum der Cumberlandschen Bühne. In physischem Sinne wie in übertragenem: So mancherlei bleibt höchst nebelhaft bei der Uraufführung von „Wir sind Günter Wallraff!“.

Es geht also um die Ikone des Enthüllungsjournalismus, besser gesagt, es sollte darum gehen. Doch wenn die Mischung aus leibhaftigen Spielszenen und Live-Videos auch Bezug auf Wallraffs Undercover-Reportagen nimmt, besonders auf diejenigen aus der Hannover-Redaktion der „Bild“-Zeitung, wird nicht recht klar, was „Alexander Eisenach, Johannes Kirsten und Ensemble“ – so die offizielle Autorenangabe zu diesem Projekt – im Sinn gehabt haben.

Eine Huldigung gewiss nicht, was ja auch in Ordnung ist. Worauf genau zielen aber die ausführlichen Debatten darüber ab, ob bei Wallraffs Aktionen tatsächlich das entlarvende Moment im Vordergrund stehe oder ob sich der Autor selbst zu einer Art Marke mache und damit letztlich systemerhaltend wirke? Ironisch scheint das nicht gemeint zu sein, aber so ganz klar wird in solchen Sequenzen ohnehin nur eines: Sie sind nicht theatral.

Dies wiederum mag Regisseur Eisenach sogar beabsichtigt haben. Denn auch das Theater als solches steht hier auf dem Prüfstand. Fraglos gibt es Parallelen: Auch Wallraff übernimmt gleichsam Rollen, sei es als Boulevardjournalist, türkischer Gastarbeiter oder Mitarbeiter eines Callcenters. Erzielt er damit größere Wirkung als die Akteure bei einer Staatstheater-Aufführung? Dies zu ergründen, gibt es einige Szenen aus dem recht plakativen Ibsen-Stück „Die Stützen der Gesellschaft“ über einen bösen Konsul, der aus Profitgier sogar Menschenleben riskiert. Bis sich die Darsteller zusammensetzen und gestehen, dass sie all das ja nur spielen. Immerhin darf Beatrice Frey den legendären Satz sagen: „Und der falsche Bart ist auch nicht echt.“

Da wird im Publikum gelacht, ebenso, als derselben Schauspielerin in einer Fensterszene der Hut vom Kopf zu rutschen droht. Weniger Heiterkeit erregt es, wenn sich Wolf List als „Bild“-Redaktionsleiter aufführen muss wie der US-Marshall in einem B-Movie. Er gibt später auch Chefredakteur Kai Diekmann, und zwar als Beichtvater von Christian Wulff – das macht er nonverbal und sehr gut; die Kollegen Günther Harder und Henning Hartmann bringen in Sachen Mimik zuweilen ebenfalls kleine Juwelen zum Funkeln.

Am Schluss kleidet sich das Darstellerquartett in betont alberne Superhelden-Kostüme und nimmt betont alberne Posen ein – wer noch nicht wusste, dass die Schauspielerei nicht zwingend zu übermenschlichen Taten befähigt, versteht es spätestens jetzt. Zum Abschluss der knappen zwei Stunden liest Beatrice Frey Wallraffs als „Widerrede“ bekannten Text „Und macht euch die Erde untertan“, die vier Akteure gucken bedröppelt und mancher im Publikum auch.

Vielleicht saß dort ja irgendwo, undercover natürlich, Wallraff selbst, der an Konzeptionsgesprächen zu diesem Projekt durchaus mitgewirkt haben soll. Auf seine Enthüllungen zur Wirkung des Abends dürfte man gespannt sein.

Weitere Termine: Donnerstag, 29. Mai, 4. und 19. Juni, 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne.

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