Wisch und drauf: Der Schweizer Kilian Rüthemann besetzt die Galerie im Künstlerhaus Bremen mit Kalk, Zementputz und Gips

„Walking Distance“ – Immer an der Wand entlang

Ästhetisch behaust: Rüthemanns Stuck, Teppich und Kreuz.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Dazu braucht es weder reiche Seherfahrung noch kundige Kommentare.

Auf den ersten Blick teilt sich dem Besucher das Konzept der aktuellen Ausstellung des Künstlerhauses Bremen mit: Eine Stucklinie, ein Teppich aus Kalk und ein Zementputzkreuz greifen Eigenschaften des Raumes auf, verweisen über Material und Form in bewährter Störfall-Manier zugleich auf sich selbst und schaffen so Spannung zwischen Vorgabe und Eingriff.

Ob es nun an der Architektur der Galerie am Deich oder an der Auswahl der Künstler liegt: Häufig trifft das Publikum dort auf derlei neue Einkleidungen des Interieurs und behält so weniger wechselnde Exponate als überraschende Verwandlungen des Raumes in Erinnerung. Diesmal ließ sich der Schweizer Kilian Rüthemann (Jahrgang 1979) vom Ausstellungsort anregen. Allerdings mündete der Anschluss an den „konkreten Kontext“ nur in bedingt spezifischen Lösungen. Vielmehr übertrug der in Basel lebende Bildhauer bereits andernorts benutzte und somit bewährte Formen und Materialien auf den Bremer Raum. Vermutlich gleichen sich Galerieräume irgendwie oder lassen zumindest den zeitgenössisch beliebten Ortsbezug künstlerisch flexibel auslegen.

Neben Situation und Kontext dürfte dem Betrachter bei Rüthemanns Ansatz und Arbeit der Sammelbegriff Minimalismus einfallen. In der Tat sind die Interventionen reduziert, und auch die Wendung von der Materialästhetik klingt nach. Allerdings tragen die räumlichen Eingriffe des Schweizers deutlich Entstehungsspuren und Prozesscharakteristika. Und der Begriff der „skulpturalen Geste“, gern und oft genommen bei hybriden künstlerischen Formulierungen, erscheint ebenfalls passend zu sein, was Rüthemann vom Formpurismus der klassischen Minimalisten deutlich weg rückt.

Das flache Zementkreuz liegt wie aus einem monumentalen Handstreich heraus über den Fensterkreuzen, unterstreicht also und streicht gleichzeitig durch, wobei die Zementspritzer den energischen Auftrag und die Rohheit des Materials deutlich machen, das üblicherweise wohl geordneter Formgebung und Flächigkeit dienstbar ist.

Auch der Kalkteppich, gegen die Parallelen zur Wand gebürstet, franst am Ende der Wischbewegung aus und weist heftige Schwundrisse auf. Mit dem „Stucco“ schlängelt sich eine eher freihändig anmutende Linie als grafische Gliederung und Körperspur an der Wand entlang.

So gewinnt der künstlerische Kommentar zur Architektur etwas von einer ästhetischen Raumbesetzung. Baut Rüthemann zum einen dem Betrachter durch Versiegelung des Ausblicks, durch die Anlage eines Sichtsockels und einer Sperrzone einen Parcours, schafft er andererseits auch eine spezielle ästhetische Häuslichkeit, einen Bruch des White Cube durch die Befreiung baulicher Stoffe aus ihrer bloßen Funktionalität. Man könnte man von malerischen Spuren im Kommentar eines Bildhauers zu Galeriearchitektur und Ausstellungssituation sprechen.

So treffen sich in Rüthemanns Arbeit sattsam Vertrautes mit kleinen, feinen, aber wirkungs- und gehaltvollen Verschiebungen. Minimalismus und Konzept dürfte ein langes Leben beschieden sein, wenn mehr solcher Transformatoren ihre Grundenergie und ihr unverwüstliches gedankliches Potential weitertragen.

(Bis 15. August)

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