Uraufführung „Weißes Papier“ von Konradin Kunze offenbart im Bremer Brauhauskeller intensives Theater

Für die Wahrheit bleibt noch Seite 16

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Schreiben Sie das! „Pionier“-Chefredakteur Viktor (Guido Gallmann) im Gespräch mit Jungredakteur John (Simon Zigah). 

Bremen - Von Corinna Laubach. Eindeutig, dieser Raum hat bessere Zeiten hinter sich. Weit hinter sich. Der Putz fällt von den Wänden, Kabelstränge schauen aus Betonlöchern, Plastikelemente decken notdürftige Löcher. Und doch, in dieser Baracke haust der Neuanfang. Einer voller Hoffnung.

Mit „Der Pionier“ gründet sich die erste unabhängige Tageszeitung eines mehr als ein halbes Jahrhundert lang vom Krieg gebeutelten Landes. Die Chance zu Unabhängigkeit und Freiheit liegt zum Greifen nah. Zwei Laptops, eine Kompaktkamera, ein Generator, eine Druckerpresse (zwar für Bücher und nicht für Zeitungen, aber die einzige Presse des Landes) und vier Zeitungsmacher voller Idealismus. „Pionier“-Gründer Viktor (Guido Gallmann), sein treuer Weggefährte und Druckspezialist Nassir (Walter Schmuck) und die beiden heißblütigen Jungreporter Grazia (Anna-Lena Doll) und John (Simon Zigah) wollen ganz vorne dabei sein, wenn die neue Zeit anbricht. Eine Zeit, in der Toleranz und das Allgemeinwohl im Vordergrund stehen. Die Zeit des Weglaufens, sich Versteckens, des Schießens ist vorbei. So zumindest die Hoffnung.

Das kleine Team macht sich daran, den Menschen des Landes zu berichten, was es sieht und hört. Nach wenigen Monaten tritt erste Ernüchterung ein, die Realität wird „gephotoshopt“. Die zweite Frau des Landes auf der Titelseite? Unmöglich, schon hätte man den Präsidenten (Siegfried W. Maschek) samt unangenehmen Gefolge am Hals. Also arrangiert sich die Redaktion. Doch die Reporter wollen mehr als Gefälligkeitsjournalismus liefern, und so decken sie selbstverständlich auch dunkle Machenschaften und Korruption auf. Demokratie? War hier nie gewollt.

Der Präsident bläst zum Gegenangriff, schießt auf sein Volk und die Pressefreiheit. Der Staat kämpft unerbittlich gegen die vierte Macht, die Presse. Durch seinen obersten General (herrlich eklig: Siegfried W. Maschek) lässt der Präsident Viktor verhaften, Laptop und Kamera einkassieren. Was bleibt, ist der Befehl, offizielle Verlautbarungen der Regierung zu drucken. Auf der Titelseite. Nichts zu den aktuellen Greueltaten am Volk. Zwischen Ehrfurcht und Ehrgeiz sinnieren die Reporter, ob sie dann auf den folgenden Seiten 2 bis 16 der Zeitung zunächst die in der Verfassung verankerte Pressefreiheit erläutern und dann die Geschehnisse objektiv – „das, was wir gesehen haben, keine Spekulationen, keine Übertreibungen“ rekapitulieren. Widerstand für die eigene Würde.

Der Wahrheit verpflichtet, ja. Aber auch bis zum eigenen Untergang? „Das ist Selbstmord, oder“, fragt Grazia in die Runde. Und dennoch wagen sie es. Die Antwort des despotischen Machthabers: Er schickt eine Bombe. John bleibt verschwunden, der einst so aufrichtige Viktor wechselt die Seiten ins Informationsministerium. Der Untergang für die Wahrheit? Mitnichten. Und so stirbt auch in „Weißes Papier“ die Hoffnung zuletzt. Trotz aller Widrigkeiten lassen sich die Journalisten nicht vertreiben. Grazia übernimmt das Ruder und sucht tatkräftig nach einem neuen Team. Nassir repariert die Presse. Ein zarter Schimmer inmitten der Trümmer.

Konradin Kunze ist mit „Weißes Papier“ ein eindringlicher Abend gelungen. Inspiriert von Erlebnissen im Südsudan hat er dieses Stück entwickelt und überrascht. Im kleinen Brauhauskeller ist mit „Weißes Papier“ einer der intensivsten und spannendsten Abende der aktuellen Spielzeit am Theater Bremen zu erleben.

Ein beeindruckendes Stück ohne Sentimentalität, authentisch gespielt, voller Wucht und Wünsche. Viel Applaus.

Kommende Abendvorstellungen: am 29. April sowie am 17., 20. und 23. Mai, jeweils um 20 Uhr im Brauhauskeller am Theater Bremen.

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