In Hannover erfolgreich abgeschlossen

„Tanztheater International“: Wahnsinn mit Methode

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Wie in einem Horrorfilm: Die Compagnie „Aldes“ in dem Stück „In girum imus nocte et consumimur igni“.

Hannover - Von Jörg Worat. Abschluss-Wochenende bei „Tanztheater International“ – und wer das Festival kennt, wird nicht überrascht gewesen sein, dass noch einmal satt Kontraste aufgefahren wurden. Zunächst gab es in der Orangerie eine weitere Facette des diesjährigen Programm-Schwerpunkts Hip-Hop zu bestaunen.

Die österreichische Gruppe „Hungry Sharks“ schmuggelte zwar ein paar der bekannten Breakdance-Moves in ihre Choreographie „Hidden in plain sight“, der große Bogen war aber ein anderer.

Das Zauberwort hieß Verdichtung. Wie verändert sich die Wahrnehmung von Bewegungen, wenn diese in einen neuen Kontext gebracht werden? Das ließ sich schön verfolgen, als Farah Deen mit einem Solo startete, zu dem alsbald andere Mitglieder der achtköpfigen Compagnie stießen. Die Muster der Tänzerin blieben die gleichen, doch mutierte etwa durch das Eingreifen eines Kollegen ein Sprung zur Hebefigur und wenn ein weiterer Tänzer explizit auf die Protagonistin zeigte, verschob sich noch einmal der Fokus in Sachen Aufmerksamkeit.

Mittels Klebeband verkleinerte das Oktett, in dem auch Choreograf Valentin Alfery mitwirkte, in vollem Licht die Tanzfläche. Bis alle auf derart beengtem Raum zugange waren, dass man um die körperliche Unversehrtheit der Akteure fürchten musste, die es indes zu vermeiden wussten, sich gegenseitig in die Rippen zu treten.

Eine virtuose Geschichte, die im zweiten Teil wieder offener, aber auch weniger zwingend wurde. Weshalb der enthusiastische Beifall, für den es ein paar Akrobatik-Zugaben setzte, doch ein wenig übertrieben schien.

Von derartiger Süffigkeit war der folgende Abend in der Musikhochschule weit entfernt. Dass der italienische Choreograph Roberto Castello seinem Stück den düsteren Palindrom-Titel „In girum imus nocte et consumimur igni“ (Wir irren des Nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt) gegeben hat, deutete schon darauf hin, dass der Auftritt der Compagnie „Aldes“ wohl kaum vor Frohsinn strotzen würde. Es kam jedoch noch eine Nummer härter.

Das begann mit der Tonspur – eine kurze perkussive Passage wiederholte sich per Loop, und daran sollte sich in der folgenden knappen Stunde auch nichts ändern. Auf schwarzer Bühne wurden dazu vier schwarz gekleidete Gestalten sichtbar, die einem expressionistischen Horrorfilm der 20er-Jahre entsprungen zu sein schienen. Ein Beamer schuf zu den lakonisch peitschenden Ansagen „light“ und „dark“ immer neue Licht- und damit Raumsituationen, durch die sich das halb männliche, halb weibliche Quartett bewegte. 

Gern mit Trippelschritten, hängenden Schultern und weggetretenem Gesichtsausdruck, aber auch schon mal mit hysterischem Armgefuchtel, und als diese Gespenster so etwas wie die Parodie einer Polonaise aufs Parkett legten, wurde es endgültig skurril. Sehr schrecklich, das alles, sehr extrem, sehr intensiv und sehr souverän – auch ein kurzer Computer-Blackout, der die Ansagen zwischenzeitlich Lügen strafte, brachte die Truppe nicht aus dem Tritt. Der getanzte Wahnsinn hatte Methode, und er hatte Erfolg: Am Schluss gab es sogar ein paar stehende Ovationen.

Festivalbilanz: An zehn Tagen sorgten rund 2 900 Besucher für eine Auslastung von 90 Prozent. Zahlen, mit denen die künstlerische Leiterin Christiane Winter sehr zufrieden ist: „Wir haben ein Stammpublikum, aber es ist schön zu sehen, dass in jedem Jahr auch wieder junge Leute dazukommen.“ Und kleine Klippen sind dazu da, überwunden zu werden: „Eine Tänzerin bekam auf der Bühne Muskelprobleme und hielt tapfer durch. Wir sind aber sicherheitshalber nachts noch ins Krankenhaus gefahren, wo sich dann herausstellte, dass es nichts Schwerwiegendes war.“

Sicherlich darf man auf die 34. Ausgabe von „Tanztheater International“ im kommenden Jahr gespannt sein. Zumal über eine Erhöhung des Etats nachgedacht wird – Lavinia Francke, Generalsekretärin der Stiftung Niedersachsen, die ein wichtiger Förderer der Veranstaltungsreihe ist, hatte entsprechende Überlegungen zum Festivalauftakt öffentlich gemacht.

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