„Shakespeare in Swahililand“: Edward Wilson-Lee auf Spurensuche

Wahn und Wirklichkeit

Syke - Von Rolf Stein. Es klingt abenteuerlich, aber es gibt dafür immerhin eine Quelle: Dass Shakespeare nicht nur schon zu seinen Lebzeiten auf einem Schiff in afrikanischen Gewässern gespielt wurde. Und der „Hamlet“ gar zuallererst vor der Küste Sierra Leones vor Portugiesisch sprechenden Afrikanern und nicht etwa irgendwo in England. Der Bericht allerdings dürfte auf immer verschollen sein – und damit auch die Möglichkeit, ihn auf seine Echtheit zu überprüfen.

Edward Wilson-Lee, in Kenia aufgewachsen und heute Literaturwissenschaftler am Sidney Sussex College der Universität Cambridge, hat in einem Interview die Aussagekraft erläutert, die diese Geschichte ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts besitzt – wenn auch eher für Afrika bereisende Briten als für die Afrikaner selbst.

Dass schon zu Shakespeares Zeiten Menschen in aller Welt seine Werke sahen, wäre der Beweis einer Universalität, die der vielleicht größte aller Dichter – eben als ein Barde von Weltgeltung – fraglos besitzen müsste.

Unbestritten scheint allerdings der Tatbestand, dass immerhin bereits Mitte des 19. Jahrhunderts auf Sansibar eine kleine Sammlung von Shakespeare-Geschichten auf Swahili (auch: Suaheli oder Kisuaheli) erschien. Wilson-Lee hat sich für sein 400 Seiten starkes Werk „Shakespeare in Swahililand“, in England bereits 2016 zum 400. Todestag des Dichters erschienen, auf eine Reise gemacht, die ihn nicht nur durch die vergangenen 400 Jahre führt, sondern auch durch den Osten Afrikas, dessen Teil jenes Swahililand ist, also das große Gebiet, in dem eben Swahili gesprochen wird. Vom Norden Mosambiks erstreckt es sich über Kenia, Tansania, Teile des Kongo, Ruanda, Uganda bis in den Süden Somalias.

Wilson-Lees „literarische Spurensuche“ fördert dabei auch vordergründig Skurriles zutage. Sie erzählt dadurch aber nicht zuletzt auch etwas über den englischen Anspruch auf Weltherrschaft und darin wiederum auch über Vorstellungen kultureller Hegemonie ganz allgemein. Das Bedürfnis, sich als Nation nicht nur militärisch oder ökonomisch anderen überlegen zu fühlen, sondern auch kulturell, liegt dem Beharren auf einem Zusammenhang zwischen der Größe der jeweiligen Nationaldichter und ihrer Herkunft schließlich zugrunde.

Das ist indes noch nicht alles, was Wilson-Lee auf seiner Expedition über Shakespeare und Ostafrika herausgefunden hat. In Addis Abeba beispielsweise verwandelte Tsegaye Gabre-Medhin Dramen wie „Macbeth“ und „Hamlet“ durch seine Übersetzungen ins Amharische in einen anspielungsreichen Kommentar auf die politischen Umwälzungen Äthiopiens in den 70er-Jahren. Der Wahn von Shakespeares Figuren prallte auf die Wirklichkeit am Hofe des Kaisers Haile Selassie, der, so weiß Edward Wilson-Lee zu berichten, sogar einen Bediensteten eigens dafür hatte, den Urin des kaiserlichen Schoßhundes von den Schuhen hochrangiger Besucher zu wischen. So lernen wir hier nicht nur einiges über Shakespeare, sondern gewinnen auch spannende Einblicke in Geschichte und Gegenwart Afrikas – Wilson-Lee bereist für dieses Buch sogar den Süd-Sudan.

Lesen

Edward Wilson-Lee: Shakespeare in Swahililand. Eine literarische Spurensuche. 400 Seiten, 25 Euro, Luchterhand Literaturverlag.

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