„Sind wir Esel oder Pedanten?“ feiert Deutsche Erstaufführung in der Bremer Shakespeare Company

Wahn und Wahrheit

Ein wahrer Schatz, halb Esel, halb Mensch: Theresa Rose als Fatima. - Foto: Marianne Menke
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Ein wahrer Schatz, halb Esel, halb Mensch: Theresa Rose als Fatima. - Foto: Marianne Menke

Bremen - Von Corinna Laubach. Hoppla, was war denn das? Was genau lief da gerade etwas mehr als eine Stunde auf Bühne ab? Kein abwegiger Gedanke. Denn das, was in der Bremer Shakespeare Company mit „Sind wir Esel oder Pedanten?“ jetzt als Deutsche Erstaufführung gefeiert worden ist, das lässt sich nicht so einfach in Kategorien packen.

Es ist wunderlich, es ist fantastisch, es ist skurril, es ist grotesk. Ein bisschen Theater, etwas Konzert, eine Prise Zirkus, reichlich Wahn und viel Wahrheit.

Das Publikum erlebt einen kurzweiligen, wundersamen Abend, der bei aller oberflächlichen Naivität doch reichlich Tiefe aufweist. Auf der nahezu leeren Bühne: drei Darsteller der Company und drei afrikanische Musiker, die zu Schauspielern werden. Im Mittelpunkt steht Fatima (Theresa Rose), halb Mensch, halb Esel, sprechend und allwissend. Ein wahrer Schatz. 

Die drei afrikanischen Immigranten hüten ihn in ihrer kargen Küche (Bühne: Heike Neugebauer) bis sie das große Geschäft wittern und ihre eigene Not lindern wollen. Der „Mann im Anzug“ (Michael Meyer) – so heißt er wirklich, denn einen Namen braucht er für seine stellvertretende Spezies nicht – winkt mit Geld. Viel Geld. Noch eine Nacht solle er sich gedulden, dann dürfe er Fatima mitnehmen.

Diese Nacht soll es in sich haben. Er wird nicht nur wild mit der Schubkarre über die Bühne gekurvt, dass einem bereits vom Zusehen schwindelig wird, er gerät in einen wahren Albtraum, der für das Publikum so manche Lacher parat hält. Als Höhepunkt des bunten Treibens kehren sich die Verhältnisse um. 

Der Mann wird schwarz angemalt, und als er sich die Polizei herbeiwünscht, um endlich wieder Ordnung und Spielregeln herzustellen, da weiß er noch nicht, dass ihm der tatsächliche Albtraum noch bevorsteht. Die Afrikaner schlüpfen in Polizeiuniformen und knöpfen sich den „Farbigen“ vor. Ein Marokkaner. Illegal. 

Ganz bestimmt. Da kann er noch so mit seinem Pass wedeln und „Ich bin Deutscher“ rufen. Vorurteilen, Polizeigewalt und Machtspielen wird hier der Spiegel vorgehalten. Die wohl realistischte Szene des ganzen Abends.

Mario Martinelli nennt sein absurdes Stück eine „philosophische Farce“. Er spielt mit zwei Entwürfen – Pedant oder Esel. Wer will man sein? Solch ein Bürokrat, Kleingeist, Korinthenkacker, Paragrafenreiter, Erbsenzähler wie der korrekte Mann im Anzug? Oder der vermeintlich stupide Esel, ein Dummkopf, Tölpel, Tor? Dass der Esel viel mehr Potenzial hat und über große Schlauheit verfügt, das erweist sich einmal mehr auch im Laufe dieses Stückes. Geschrieben hat es der Italiener Martinelli bereits 1989, als die Afrikaner in einer ersten Einreisewelle nach Europa kamen.

Verloren hat das Stück angesichts der aktuellen Lage vieler Flüchtlinge nichts von seiner Aktualität. Nach wie vor täte es Not, sich auch mit den Situationen in der jeweiligen Heimat zu befassen. Martinelli reiste in den Senegal, ließ sich von der dortigen kulturellen Erzähltradition inspirieren. Und so sieht er „Sind wir Esel oder Pedanten?“ auch als Allegorie darauf, dass viele afrikanische Staaten gezwungen sind, ihre Schätze, sprich: Ressourcen, zu veräußern.

In der bildreichen Fabel geht es hoch her. Groteske Wesen und Szenen wechseln zur großen Freude des Publikums in permanenter Folge. „Was für ein Scheißtraum“, entfährt es dem Mann im Anzug. Wie wahr.

Um wieder vollends in der Gegenwart anzukommen, greifen Kofi Mawuna Agbadohu, Jean-Baptiste Gama und Amandin Koué Manet als Zugabe zu ihren Trommeln und jagen den soeben von Johann (Tim Lee) beschworenen Teufel garantiert fort. Ein großes Spektakel.

4. März, 19.30 Uhr, 12. März, 18 Uhr, Theater am Leibnizplatz

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