Samir Akika blickt am Theater Bremen auf familiäre Bande

Wahlverwandtschaften

Mit technischer Präzision spielen die Tänzer Distanzierung und Annäherung durch. - Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Ein Mann betritt die Bühne, steht vor einem Podium mit Schlagzeug und Gitarren sowie einer Pyramide aus Stühlen. Tanzt ein Solo. In dessen Verlauf er sich immer wieder die eigenen Knie küsst, sich seiner Selbst vergewissert. Lange bleibt er nicht allein. Eine Abendgesellschaft, die Kleiderordnung eher förmlich, gesellt sich zu ihm. Schicke Menschen. Die ihre Schuhe ausziehen und sich zu rangeln beginnen.

Um familiäre Bande soll es in Samir Akikas neuem Stück gehen, um deren Hierarchien, Verwicklungen, der Unentrinnbarkeit dieser zumindest in ihrer heutigen Gestalt keineswegs so urwüchsigen Vergesellschaftungsform. Wobei Bande schon ein schillernder Ausdruck ist. Man mag an Karl Kraus denken, der in einem seiner legendären Aphorismen formulierte, an einem Familientreffen seien nicht nur die schuld, die es ausrichten, sondern auch die, die es nicht verhindern.

Allerdings ergibt sich im Verlauf des eineinhalbstündigen Abends nicht zwingend ein kleinfamiliärer Zusammenhang, sind aber allgemeinere Assoziationen gesellschaftlicher Spiele und Spielchen ohne weiteres einleuchtend. Auch weil zumindest ein konstituierendes Merkmal der Familie eigentümlich abwesend wirkt: eine Hierarchie. Was allerdings zu einem erweiterten Familienbegriff passt, den Akika mit seinem Ensemble zu teilen scheint. Und auch wenn die Compagnie Unusual Symptoms für diese Produktion um eine Reihe Gäste erweitert wurde, so haben jene sich offenbar erstaunlich gut in diese Wahlverwandtschaft eingelebt.

Die technische Präzision des Abends ist durchaus beeindruckend. In verschiedensten Kombinationen spielen die Tänzer Distanzierung und Annäherung durch, oft in Sekundenschnelle. Und wenn es bei der Premiere ein paar Stellen gegeben haben mag, bei denen Nora Ronge, die krankheitsbedingt ausgefallen war, vermisst werden durfte, wirkte das Stück doch in sich formal schlüssig. Allerdings in einem Sinne, der wenig damit zu tun hatte, was die beiden letzten Arbeiten des Choreografen versuchten: In „Zeit der Kirschen“ und „Einer flog über das Kuckucksnest“ hatte sich Akika an lineareren Formen versucht. „The Maidenhair Tree & The Silver Apricot“ entfaltet sich eher in Bildern, die oft so detailliert ausgearbeitet sind, dass sie sich im Zweifel auf einen Blick nicht vollständig erfassen lassen.

Was ja wohl auch in realen sozialen Verflechtungen der Fall sein mag, die, und das ist mit einem wirklich sinnhaften Einfall als Schlusspointe formuliert, im Nachhinein gern zu einer sinnstiftenden Schicksalhaftigkeit verklärt werden. Als nämlich Szu-Wei Wu das letzte Solo des Abends getanzt hat, umringt vom Rest des Ensembles, beginnen die Tänzer, beladen mit allerlei Krempel von der Gießkanne bis zur Stange Zigaretten, eine Art auf dem Kopf stehenden Weihnachtsbaum zu behängen. Aus dem höchst zufällig und banal wirkenden Sammelsurium wird so eine zwar bizarre, aber stabile Skulptur. Was fehlt? Ein Familienbild, klar doch. Mit einem Trommelschlag verlöscht das Licht.

Der Schlag von Trommler Simon Camatta ist im übrigen der letzte Laut einer dreiköpfigen Band, zu der Akika-Stammmusiker Jayrope und Stefan Kirchhoff gehören. Die drei Musiker begleiten diesen Abend so sensibel wie präzise, können sich geradezu stufenlos von sanftem Schaben in kraftvollen Post-Rock steigern und zwischendurch einen Walzer ebenso einlegen wie Swing. Offenbar haben sich da drei gefunden und so gut verstanden, dass sie als Trio auch im Rahmen der Club-Nacht der Jazzahead (Samstag, 23. April) ein Konzert im Noon geben.

Nächste Vorstellungen: Heute um 20 Uhr, Sonntag, 3. April, 18.30 Uhr, Samstag, 16. April, 20 Uhr, Theater Bremen.

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