Wacken Open Air

"Wir hätten gern Black Sabbath gehabt"

+
Es soll nach eigener Aussage lauter als die Hölle sein: Das Wacken Open Air.

Wacken - von Michael Krüger. Es soll nach eigener Aussage lauter als die Hölle sein, und wer das bislang nicht geglaubt hat, weil er sich niemals hintrauen würde, kann das nun auch aus dem Kinosessel beurteilen. Sieben Jahre nach „Full Metal Village“ kommt das Wacken Open Air erneut auf die große Leinwand.

Festival-Chef Thomas Jensen

18 Kamerateams waren im vergangenen Jahr auf den heiligen Metal-Feldern unterwegs, um das Geschehen des weltweit größten Festivals für Freunde der härteren Gangart festzuhalten. „Wacken 3D“ läuft ab dem 24. Juli deutschlandweit in den Kinos, eine Woche später, ab dem 31. Juli, feiert das Festival im schleswig-holsteinischen Örtchen seine 25. Auflage. Im Interview mit der Kreiszeitung spricht Festival-Chef Thomas Jensen über die Rückkehr auf die Leinwand, das wahre Erlebnis Festival und die Gründe, warum Metallica doch noch irgendwann kommen müssen – wenn auch nicht zum Jubiläum 2014.

Ein paar Tage vor dem Wacken 2014 kommt „Wacken 3D“ ins Kino. Da ist es gemütlicher und trockener. Muss ich denn eigentlich dann noch zum Festival?

Thomas Jensen: Eine CD, eine DVD oder ein Buch übers Wacken sind was ganz anderes, ein andere Medium. Das ist doch bei der Zeitung auch so. Print oder Online? Das Papier fühlt sich geiler an, auch wenn ich da klugscheißerisch bin. Beim Festival selbst hast du alle Komponenten. Als Besucher bist du allen Elementen ausgesetzt. Es gibt immer noch keine physischere Erfahrung als das Festival selbst. Den Film kann man nicht riechen. Einige sagen uns ja, bei uns gibt es den Geruch der großen weiten Welt. Aber eben nicht im Kino. Ich liebe Musik-Dokus und DVDs, aber live ist eben live.

Warum brauchte es noch einen Wacken-Film?

Jensen: Er ist selbst ein einzigartiges Erlebnis. Der Film ist keine Reduzierung und Zusammenfassung dessen, was da letztes Jahr passiert ist. Er steht für mich als eigenes Event dar. Trotzdem ist er total dicht an dem, was Wacken ist: die Fans, die Internationalität, der Spaß, die sympathische Durchgeknalltheit und natürlich die Bands. Wir haben den Produzenten versucht zu vermitteln, was wir meinen, was Wacken ist, aber wir haben sie ansonsten völlig frei wirken lassen. Wie es Regisseur Norbert Heitker gemacht und wie er es verdichtet hat, war schon sensationell. Es gibt natürlich viele andere Dokumentationen und unzählige, tolle Live-Mitschnitte. Aber die sind kein so eigenständiges Ding wie der Kinofilm. Den Film „3D“ kannst du auch gucken, wenn du kein Wacken-Fan bist. Er ist einfach Entertainment. Ob Lieschen Müller sich den anguckt, weiß ich aber nicht...

Sind Sie zufrieden mit dem Jubiläums-Programm 2014?

Jensen: Ja, schon. Natürlich hat man noch den einen oder anderen Wunsch, aber das war auch die Jahre zuvor so.

Lange haben die Fans auf den ganz großen Namen gewartet. Erst waren es AC/DC, dann Metallica, zuletzt gar die Böhsen Onkelz. Jetzt stehen Accept am Donnerstagabend auf der Hauptbühne. Braucht das Wacken diese über alle Grenzen gefeierten großen Headliner nicht?

Jensen: Wir hätten natürlich gerne Black Sabbath gehabt. Das war einer unserer ganz großen Wunschkandidaten. Das ist eine Band, die die Szene geprägt, vielleicht das Genre sogar mit erfunden hat. Im letzten Jahr hatten wir Rammstein. Wir versuchen, die Highlights zu bekommen. Aber die Idee von Wacken ist ein Metal-Programm: der Soundtrack für die Zusammenkunft der Szene. Und da ist Accept neben den Scorpions eine der größten deutschen Bands. Wir kennen die Diskussionen über andere Namen, aber ich kann den Kritikern nur zurufen: Wenn wir sie dieses Jahr nicht machen, dann vielleicht nächstes oder übernächstes.

"Wir haben Bock auf Metallica - und freuen uns zu lesen, dass auch sie Bock haben", haben Sie vor einigen Monaten öffentlich gesagt. Sie kommen aber nicht.

Jensen: Schlagzeuger Lars Ulrich hat auf der Promotion-Tour für den Metallica-Film mehrmals geäußert, dass er uns gut findet. Ich weiß, dass Ulrich uns schon seit 1993 auf der Karte hat, weil wir damals Holocaust und Trespass hatten. Er als großer Musikfan der „New Wave of British Heavy Metal“, mit der er metallisch sozialisiert wurde, ist ein riesiger Trespass-Fan. Er war aber nie hier. Bislang. Beim Rock am Ring, wo wir zusammen Rose Tattoo gesehen haben, hat er mir aber gesagt: „Sure, Thomas, one day we will play Wacken.“ Ich weiß, dass die Fans warten. Aber so eine Band kannst du nicht wie im Otto-Katalog bestellen. Auch wenn viele es nicht glauben: Es geht nicht nur ums Geld.

Motörhead, Slayer, Kreator, Sodom: Es gibt einige Bands, die zum Wacken-Inventar gehören. Gibt es in der Metal-Szene so wenig Bewegung, dass immer die gleichen auftauchen?

Jensen: Das ist für uns wichtig. Wacken gilt natürlich als Zusammenkunft des Metal-Stammes. Da gehören die Veteranen dazu. Aber eben auch die neuen Sachen. Eine Band wie Volbeat, die in diesem Jahr das Hurricane-Festival angeführt hat, die haben wir wesentlich früher gehabt und für den Festivalmarkt entdeckt. Volbeat sind aber auch eine der wenigen Bands, die es in jungen Jahren zu Stadionqualität gebracht haben.

Gibt es bestimmte musikalische Bereiche der Metal-Szene, die für Sie tabu sind? Es sind doch oft eher die „klassischen“ Bereiche, die bedient werden. Neue Richtungen haben es eher schwer.

Jensen: Nein. Wir haben hier im Büro die unterschiedlichsten Geschmäcker. Aber bei amerikanischen Bands stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, für einen Auftritt hierher zu holen. Aber alle Fans sind herzlich eingeladen, uns Hinweise zu geben. In Wacken funktionieren alle Spielarten des Metal. Wir wollen das auch noch intensivieren.

Wie soll das gehen?

Jensen: Vor allem über unseren „Metal Battle“. Wir versuchen, vom klassischen Wettbewerb wegzugehen. Die Szene will gar keinen Kampf gegeneinander. Es geht eher darum, sich zu informieren, was in Jugoslawien oder Südafrika läuft. Das ist viel spannender.

Hat das Jubiläum für Sie eine Bedeutung?

Jensen: Es ist wie eine Zäsur. Man stellt sich schon die Frage, wo es hingeht. Gerade in Amerika gibt es spannende musikalische Entwicklungen, da brodelt etwas. Wenn es neue Strömungen gibt, wollen wir die auch haben. Wir haben nie die großen Generalstabsplan gehabt, es lief stets über „Try and Error“. Wir machen viel aus dem Bauch heraus und wollen mit dem Kopf durch die Wand. Wir schießen natürlich auch öfter mal übers Ziel hinaus oder rennen mit Volldampf in die falsche Richtung.

Was wird es in diesem Jahr zum Jubiläum an Besonderheiten geben?

Jensen: Wir versuchen, noch mehr Liebe ins Detail zu stecken. Auch das geht über den „Metal Battle“, unsere Nachwuchs-Plattform der internationalen Szene. Wir sind schon bei 30 Auftritten von Bands ohne Verträgen. Das findet man nirgendwo sonst. Für uns ist das ein Zurück-Zu-Den-Wurzeln. Früher konnten wir uns die Großen ja gar nicht leisten. Der „Metal Battle“ ist Völkerverständigung. Wir haben dieses Jahr Ägypten dabei – dort ist es doch schon gefährlich, zum Konzert zu gehen. Oder die ehemaligen Länder Jugoslawiens: Sie spielen einen gemeinsamen Gewinner aus. Das würde politisch gar nicht gehen. Da gäbe es Mord und Totschlag. Aber im Metal sitzen Serben, Kroaten und Bosnier an einem Tisch, da funktioniert es. Musik kann die Welt verändern, zumindest begleitend.

Wieviel von Ihnen und Ihrem Co-Chef Holger Hübner steckt noch im Wacken-Booking?

Jensen: Wir halten alles noch in den Händen. Wir machen unser eigenes Ding.

Wir sprechen viel über Musik, aber bei immer mehr Leuten entsteht der Eindruck, es geht beim Wacken immer weniger um die Musik selbst.

Jensen: Du brauchst eine Bratwurstbude. Die Grundversorgung muss da sein, aber wir versuchen, auch hier neue Wege zu gehen, zum Beispiel im Wackinger-Village. Habe ich kein Bock auf Mittelalter und ist mir das zu viel, gehe ich da halt nicht hin. Wacken ist nicht so eindimensional, dass du nur ein Zelt hast, eine Bühne und draußen drumherum ein paar Bierbuden. Das wäre viel restriktiver. Wenn du auf extreme Sachen stehst, kannst du dir deinen persönlichen Zeitplan zusammenstellen und würdest nicht eine True-Metal-Band sehen. Und keine Spaß-Kapelle im Biergarten. Das ist unser Anspruch, das ist Freiheit. Wenn mir die Leute erzählen, wir machen dies zu viel und das zu viel: Es gibt doch die Möglichkeit, zu wählen!

...und dann kann auch nicht mehr alles Metal sein?

Jensen: In den Biergarten kommen auch viele Menschen aus dem Dorf, das finden ja alle geil, dass die Einwohner das Festival mittragen. Aber da musst du dann den Kompromiss eingehen, nicht alles so ernst zu machen. Die Bühne im Biergarten ist ja auch keine Metal-Bühne: zu klein, nicht laut genug, viel zu wenig Licht. Ein Techniker hat mir mal gesagt, wir hätten immer doppelt so viele Lichter wie Zuschauer. Metal lebt von diesem Größenwahn. Bob Dylan braucht das nicht.

2013 war heiß, sehr heiß. Und trotzdem wurde Wasser für drei Euro pro Becher verkauft - das hat Ihnen viel Kritik eingebracht. Wie reagieren Sie darauf?

Jensen: Wir haben die Kritik entkräftet. Es war ein Kommunikationsproblem. Es gibt beim Wacken immer kostenlose Wasser-Entnahmestellen. Stilles Wasser gab es für zwei Euro. Und wir reagieren: Im Full-Metal-Bag, den jeder Gast bekommt, ist dieses Jahr ein faltbarer Wasserbeutel drin. Das ist das, was uns vielleicht unterscheidet, was uns einige aber nicht abnehmen: Wir sind sehr dankbar für Kritik.

Das Wacken ist binnen weniger Tage mittlerweile ausverkauft. Bei uns nebenan tut sich das Hurricane mit Bestätigungen stets bis Ende des Jahres schwer, der Vorverkauf läuft meist schleppend. Wie ist dieser Unterschied zwischen ähnlich großen Festivals zu erklären?

Jensen: Das liegt in der Natur der Sache. Die Philosophie ist eine ganz andere. Wir machen was für diese Szene. Mal gelingt uns das gut, mal weniger. Aber im Grunde weiß der Fan, was wir mit ihm zusammen erreichen wollen. Beim Hurricane ist der Ansatz, ein gutes Musikfestival auf die Beine zu stellen, das den jeweiligen Musikgeschmack des Jahres abbildet. Wir sind auf einem Kreuzzug für den Metal – das ist nicht der Anspruch des Hurricane. Dort ist man sehr auf Headliner fixiert, weil die Leute bei der Entscheidung, wohin sie gehen, in totaler Konkurrenz zum Beispiel zu Rock am Ring stehen. Wir nicht. Auch wenn Rock am Ring Iron Maiden und Metallica hat, ist es noch lange kein Metal-Festival. Wir könnten technisch vermutlich ein Schlager-Festival machen. Aber so sind wir nicht.

Wer kommt 2015?

Jensen: Alle die, die dieses Jahr nicht konnten. Hoffe ich. Wir sind an allen Fronten dabei. Jedes Jahr bekommt der Metallica-Agent eine Anfrage von uns...

Wacken Open Air: Rocken mit Alice Cooper

Mehr zum Thema:

Alexander Zverev nun gegen Nadal - Djokovic ausgeschieden

Alexander Zverev nun gegen Nadal - Djokovic ausgeschieden

Die deutschen Promis bei der Berliner Fashion Week - Bilder

Die deutschen Promis bei der Berliner Fashion Week - Bilder

Grippewelle 2017: Die aktuelle Lage in Deutschland

Grippewelle 2017: Die aktuelle Lage in Deutschland

Werder-Training am Donnerstag

Werder-Training am Donnerstag

Meistgelesene Artikel

Gute Platte übrigens

Gute Platte übrigens

Moralische Superlative

Moralische Superlative

Opernhaus Hannover: Energetische Abstufungen der Bewegungskunst

Opernhaus Hannover: Energetische Abstufungen der Bewegungskunst

„Unfassbar froh“

„Unfassbar froh“

Kommentare