Zum Wachsen entschlossen?

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

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Der rote Faden im Ringelpulli: Max Roenneberg als Oskar Matzerath.

Bremerhaven - Von Tim Schomacker. Irgendwann wird sich die Hinterbühne in Richtung Publikum neigen. Ganz langsam. Aus einem Turm weißroter Trommeln werden sich zwei lösen und über die Bühne rollen. Wir werden den rollenden Trommeln zuschauen. Wir werden uns fragen, ob das genau so geplant war. Wir werden erleben, wie sich Gegenstände ihren Raum erobern. So wie sich Grass‘ notorische Blechtrommel ihren Raum genommen hat. Im Leben des Oskar Matzerath. In der Weltliteratur.

Es gehört zur angenehmen Überzeugungsarbeit, die Regisseur Mark Zurmühle in den gut zwei Stunden seiner Bremerhavener Theateradaption der „Blechtrommel“ (Bühnenfassung: Peter Schanz) leistet, dass er vielen und vielem Raum gibt. Bewegungen, Gesten, Sprache, all das kann und soll sich entfalten können, das merkt man schon in der weitgehend stummen Eingangssequenz. Nachdem einige feldgraue lebensgroße Puppen aus dem Schnürboden heruntergeklatscht sind, folgt eine entspannt choreografierte Exposition, grau-weiß gekleideter Figuren vor schwarzleerer Bühne. Ein paar Gegenstände nur, Stühle, ein Bett. Heilanstalt. Eigentlicher Erzählort des Ich-Erzählers Oskar. Fast unmerklich übergeblendet in die wohlbekannte Szene unter Großmutters Röcken – nahe dem weiblichen Geschlecht spielt sich hier fast alles ab –, die Oskar mit einem Pfleger, nun ja: re-enacted, nachspielt.

Alles ist Spiel hier. Festgezurrt ganz geschickt in der Rahmenhandlung des vermeintlich Kranken in der Anstalt. Geschickt, weil Matzerath Junior zugleich als zutiefst unzuverlässiger Erzähler etabliert wird – und man das, was folgt, trotz dieses Wissens für bare Bühnenmünze nimmt. Etwas zu etablieren, damit wir Zuschauenden es dann gleich vergessen, das zeugt von beachtlicher theater-narrativer Souveränität.

Und schon rollt sie los, die Matzerath-Maschine. Im Stück. Und als Stück. Nicht ohne Eleganz näht Zurmühle eine Art Best-of Grass‘scher Szenen und Personen an- und ineinander. Gut geöltes Bildertheater. Leicht oft und zugleich intensiv sowie eindringlich. Als roter Faden fungiert dabei Max Roenneberg in buntem Ringelpulli. Sein Oskar ist ein Subjekt, das quirlig und vielschichtig um seine eigene Subjektivität ringt inmitten der ganzen zeitgeschichtlichen gesellschaftlichen Verwerfungen zu Danzig zwischen Weltkrieg eins und zwei. Und inmitten der familiären sowie libidinösen Unübersichtlichkeit zwischen Vaterrollen und Weiblichkeiten. In Stimmungen und Stimmlagen treibt Roenneberg seine Erzählfigur beeindruckend nah ran an den Moment, da er selbst den Faden verliert. Aber eben nur ran. Und rekurriert gleichzeitig in die Irre und durch die Chronologie führend immer wieder auf den einen großen Punkt. Den nennt man: freier Wille. Wer sein körperliches Wachstum willentlich aufhalten kann, der mutet allen anderen zu, für ihre je eigenen Entscheidungen geradezustehen. Äußere Einflüsse sind nur bedingt haftbar zu machen.

Auf Eleonore Birchers luftiger Bühne entrollt sich so ein launiger Bilderbogen. Immer wieder kippen Szenen in einander. Immer wieder wird das Groteske, das Grass‘ historische Phantasie trägt, bloß- und ausgestellt.

Ganz anders als in Schlöndorffs (exakt 40 Jahre alter) Ausstattungs-Verfilmung des (exakt 60 Jahre alten) Weltromans. Immer wieder sind es die Figuren Henning Bäckers, die da ins abstrahiert Solistische gehen. Bühnenzentral, allein, ausgestellt wie böse ins Familienalbum reingeklebte Bildchen: Der proto-euthanasierende Pädagoge Dr. Hollatz etwa, der die faschistische Morgenröte herbeisehnt.

Oder der elitäre wie politisch wankelmütige Freak-Dirigent Bebra, in dessen bizarrem Front-Theater Blechtrommler und Glaszersinger Oskar später beruflich Zuflucht findet. Auch die körperbetonten, aber szenisch abgekühlten Duette von Matzerath Senior (Richard Lingscheidt) und Junior mit Julia Lindhorst-Apfelthalers Maria (als jugendliche Haushaltshilfe gleichsam Nachfolgerin von Mama Matzerath) präparieren maskuline Konkurrenzen und Motivlagen angesichts eines beängstigend Weiblichen heraus.

Auch wenn – gerade beim soldatischen Personal – das Groteske gelegentlich ins Knallchargige kippt, ist diese „Blechtrommel“ äußerst kurzweiliges Bildertheater. Der eine oder andere szenische Kontrapunkt hätte vielleicht gutgetan. Ebenso wie ein, zwei gezielte Öffnungen Richtung Gegenwart. Gerade die herausgestellten Wechselbeziehungen zwischen „freiem Willen“ und „gesellschaftlichen Prozessen“ böten hier wohl reichlich Gelegenheit.

Sehen

Sonntag, 15 Uhr, 17. November und 7. Januar, jeweils 19.30 Uhr, Großes Haus, Stadttheater Bremerhaven.

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