Meisterschüler der Bremer Hochschule für Künste stellen in der Weserburg aus

Bon Voyeur!

Anna Roberta Vattes: ohne Titel, 2013. ·
+
Anna Roberta Vattes: ohne Titel, 2013. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierWer an der Bremer Hochschule für Künste ein besonders überzeugendes Diplom abzulegen vermag, der darf noch ein bisschen länger bleiben. „Meisterschüler“ nennt sich solch ein freiwilliger Nachsitzer dann. Das dazugehörige Stipendium erstreckt sich über zwei Semester, in denen der Glückliche laut Hochschule seinen „eigenen künstlerischen Weg intensiv ausloten“ soll.

Was dieser Prozess des Auslotens gebracht hat, wird am Ende der Öffentlichkeit gezeigt. In diesem Jahr ist die Meisterschüler-Ausstellung im Bremer Museum Weserburg zu sehen. Wer sie besucht, wird den Eindruck gewinnen, dass die Protagonisten ihre Aufgabe sehr ernst genommen haben.

Es ist wahrhaftig eine Ästhetik des Auslotens von künstlerischen Möglichkeiten, die sich im Erdgeschoss des Hauses offenbart. Das zeigt sich etwa in einer Malerei, die sich bewusst auf das Herstellen oder auch Wegnehmen von Räumlichkeit konzentriert. Mal geschieht das durch eine nahezu postimpressionistische Landschaft von kleinsten Motiven, die in ihrer schieren Zahl und ihrer differierenden Form – mal pastos, mal dünn aufgetragen – eine Ahnung von Dreidimensionalität vermittelt (Andreas Becker). Mal zeigt es sich im Gegenteil durch eine nüchterne Überlagerung von betont zweidimensionalen Formen (Janine Klank).

Bei Anna Roberta Vattes finden Form, Material und Farbe auf frappierend schlüssige Weise zueinander. Indem sie hüfthohe Tetraeder aus Holz mit Tusche und Acryl überzieht, erzeugt sie eine metallisch anmutende Plastizität: Farbe erweist sich hier als zwingend abhängig von der Form.

Weniger auf ästhetischer als vielmehr auf intellektueller Ebene findet das Ausloten künstlerischer Wege bei Lu Nguyen statt. Die Künstlerin hat auf der Suche nach dem Sinn und vor allem der Motivation des eigenen Handelns ironische Bilder gefunden. In ihrem Video bildet sie gleich in mehrfacher Ausführung ein Theaterpublikum, mit verbissener Miene klatschen sich all die Lu Nguyens selbst Beifall. Das hat etwas von Parteitagsliturgie in totalitären Systemen, verweist aber auf unsere eigene innere Antriebstechnik aus Durchhaltewillen und Selbstbestätigung.

Nicht alle Künstler orientieren sich so eng an der Frage nach Definition und Grenzen künstlerischen Schaffens. Min Jung Kang etwa bringt ganz klassisch die faustische Zerrissenheit zur Geltung: zwei Seelen, die in unserer Brust wohnen. Bei der koreanischen Künstlerin sitzen diese in tintenfischähnlicher Gestalt auf einer Wippe, das eine Wesen oben, das andere unten. Während letzteres förmlich in den Boden eingerammt scheint, schwebt Seele Nummer zwei leicht und bequem – mit einem weißen Kissen unterm Hinterteil.

In einer anderen Installation macht es sich die unbeschwerte Seele auf einem Felsklotz gemütlich, der sich bedrohlich über ihren am Boden liegenden Kompagnon neigt. Das ist zwar pointiert gesetzt, aber in der Substanz zu unklar: Sollten Tag- und Nachtseite der Seele sich hier als einander beständig ausgleichende Pole präsentieren, so erschiene das als arg schlichte These.

Überzeugender mutet Christian Bungies Installation „Bon Voyage!“ an, für die er auf einem Holzsteg zwei Fernseher platziert hat. Es sind gleich in zweifacher Hinsicht morsche Planken, auf denen hier die Wahrheit ruht. Denn was auf dem einen der beiden Fernseher als „Bon Voyage“ gezeigt wird, ist die Videoaufnahme eines Strandvoyeurs. Ahnungslos flanierende Strandurlauberinnen scannt der offenbar gut getarnte Hobbyfilmer mit geschultem Blick für die wesentlichen Körperteile ab: Die vordergründige Urlaubs idylle offenbart ihr untergründiges Fundament.

Die Ausstellung verbindet die Konzentration auf grundsätzliche Fragen zur Kunst mit zwar mutigen, aber nicht übermütigen Reflexionen von menschlichen Seelenzuständen und Triebstrukturen. Weil das eine wie das andere in seinem ästhetischen Ausdruck bedeutsam für unsere heutige Lebenswirklichkeit erscheint, atmet sie förmlich Aktualität: eine reizvolle und geistig erfrischende Schau.

Bis 29. September in der Weserburg, Teerhof 20, Bremen. Öffnungszeiten: Di., Mi. und Fr. 10 bis 18 Uhr, Do. 10 bis 21 Uhr, Sa. und So. 11 bis 18 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Raumtrenner sind mehr als nur Raumtrenner

Raumtrenner sind mehr als nur Raumtrenner

So klappt es mit der neuen Fremdsprache

So klappt es mit der neuen Fremdsprache

Hefezopf und Rüblikuchen: So wird Ostern richtig fluffig

Hefezopf und Rüblikuchen: So wird Ostern richtig fluffig

Wie werde ich Kauffrau/Kaufmann für Verkehrsservice

Wie werde ich Kauffrau/Kaufmann für Verkehrsservice

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren zahlreiche Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren zahlreiche Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Kommentare