Mit Kafka im Loop: Johanna Domkes Video „Cuers“ in der Städtischen Galerie Bremen

Zum Vorzimmerleben verurteilt

Warten jetzt: Private Schicksale im öffentlichen Raum.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Dicht gedrängt sitzen, stehen oder liegen Menschen in einem Hallen ähnlichen Raum. Das Geschehen erinnert entfernt an die Wartesituation von Reisenden. Allerdings verhindert der permanente Kameraschwenk in Johanna Domkes Video-Loop „Cuers“ eine genaue Justierung von Orts- und Personencharakteristika, die der Szenerie Klarheit und Festigkeit geben könnte.

So wie die Akteure durch den Raum irren und trotz drangvoller Enge keine Verbindungen untereinander aufbauen, wandert auch der Blick des Betrachters ruhe- und bodenlos durch die fließenden, mäandernden Bilder. Suggestiv werden Einzelsituationen fokussiert, doch genau so schnell verflüchtigen sie sich wieder, um einer anderen vorbei ziehenden Konstellation mit neuen Akteuren Platz zu machen. Johanna Domkes „Cuers“ ist der zehnte Beitrag in der Reihe „screen spirit_continued“, in der die Bremer Künstlerin und Kuratorin Marikke Heinz-Hoek in der Städtischen Galerie aktuelle Videokunst in Einzelarbeiten präsentiert. Mit der in Berlin und Kopenhagen lebenden Domke setzt eine Künstlerin das ambitionierte, verdienstvolle Projekt fort, die für ein klassisches Thema der Moderne eine buchstäblich mitreißende filmische Form und Inszenierungsweise gefunden hat: Das Individuum als vereinzeltes Wesen in einem anlass- und zielfreien Ereignisstrom, die private Schutzzone bedrängt in und von einem öffentlichen Raum, dessen Architektur und Anspruch bei aller oberflächlichen Vertrautheit fremd und undurchschaubar bleiben.

Zu „Cuers“ inspirieren ließ sich Domke von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“, insbesondere von einer Szene in der Orson Welles-Verfilmung, in der sich der Protagonist in einem Wirrwarr von Räumen und Fluren verliert. Dort trifft er auf andere Beschuldigte, die gleichfalls zum Warten auf die Konsequenzen aus einer gänzlich unverständlichen Anklage durch ein nicht fassbares Gericht verurteilt sind.

Diese institutionalisierte, so unbegreifliche wie unausweichliche Wartehaltung wird in Domkes Werk zur Metapher für die Auslieferung des Einzelnen an ein anonymes, übergeordnetes System, das menschliche Orientierungsmuster und verlässliche Koordinaten im öffentlichen Raum aussetzt. Die Erosion des Privaten durch Überwachung, die Kommerzialisierung des Urbanen durch Beflaggung mit Werbebannern machen es dem Individuum immer schwerer, eigene Wege in sozialen Netzen zu finden.

Die Stärke von Johanna Domkes Arbeiten liegt darin, dass sie die Bruchstellen gegenwärtiger Lebenswelten nicht bloß illustriert, sondern in ihren soghaften Videos eine Form gefunden hat, die kafkaesken Erlebenszustände sichtbar und fühlbar werden zu lassen. Der Ort wirkt nicht wie ein konsistentes Setting, sondern wie eine Collage aus verschiedenen Räumen. Die Laien-Akteure, die Domke in ihrer Inszenierung mit der Regieanweisung „Warten“ auftreten lässt, vermitteln nach mehrfachen Durchläufen die angemessene Lethargie der zum Vorzimmer-Dasein Abgestraften.

Nach gewisser Zeit sieht der Betrachter die labyrinthischen Ereignisstränge und schwebenden Orte wie in einem Still zu verschmelzen: inszenierte Fotografie als Video und wieder zurück. Der Bildstrom ist im Dauerwechsel angehalten, die Protagonisten treten in ihrer Dauerpassage auf der Stelle. Dem Betrachter werden Perspektive und Fundament entzogen, Zeit und Raum sind aufgehoben.

(bis 14. Februar)

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