Bremer Schauspiel dreht zur Spielzeiteröffnung am Rad

Vorwärts in die Vergangenheit

Wenn Maschinen dem Mensch ein Mensch werden. Fotos: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. Mit einer Uraufführung eröffnete das Bremer Schauspiel die neue Spielzeit. „Attentat oder frische Blumen für Carl Ludwig“ von Mehdi Moradpour ist als „humanoide Komödie“ annonciert, was in eine Zukunft weist, in der Maschinen dem Menschen ein Mensch sein werden.

Zugleich greift der Titel weit zurück in eine Vergangenheit, da der Bürger noch ein Revolutionär war. Carl Ludwig war ein nationalistischer Attentäter, den sich spätere Terroristen aus dem rechtsextremen Spektrum zum Vorbild nahmen. Außerdem damals: Eine kleine Klimakatastrophe wegen eines Vulkanausbruchs in Indonesien, dessen Folgen Lord Byron, Percy B. Shelley und dessen Frau Mary zu Gruselgeschichten inspirieren, von denen eine mit Frankensteins Monster einen der berühmtesten Humanoiden der Literaturgeschichte schuf.

Moradpour spiegelt diesen Ludwig ins Jahr 2067, wo aus Carl Carla wird, aus dem Burschenschafter nämlich eine weiblich anmutende Maschine, aus dem Attentatsopfer Kotzebue ein „noch nicht euphorischer Politiker“, der einem ziemlich irre schillernden Europa vorstehen möchte, und aus Hannover eine Stadt am Meer (es soll ja nichts vergessen sein, was uns heute drückt).

Eingeklemmt in dieses Zeitsandwich: Wir Zuschauer, die wir uns wohl fragen sollen, was uns Moradpour für die Gegenwart zugedacht hat. Die szenische Übersetzung hat mit Pinar Karabulut eine junge Regisseurin übernommen, die das erste Mal in Bremen arbeitet.

Spielen lässt sie um eine Pyramide, auf der zahllose Sektkelche arrangiert sind, während aus Gitterrosten drumherum immer mal wieder Nebel kommt, der sich klanglich in Drones fortsetzt, zu denen eingangs kapuzentragende Gestalten ein geheimnisvolles Ritual zu vollziehen scheinen.

Ohne zu viel verraten zu wollen: Es bleibt geheimnisvoll und nebulös. Was gewiss zu einem geringeren Teil daran liegt, dass Karabulut über 90 Minuten in einem immer robusteren Körpertheater immer wieder vernachlässigt, dass es da auch noch einen Text gibt, der verstanden werden könnte.

Dass dieser aber immer wieder untergeht, ist nicht unbedingt des Ensembles Schuld. Mirjam Rast als Carla, Elmira Bahrami als „eine noch nicht erschöpfte Aktivistin“, Ferdinand Lehmann als Politiker und Alexander Angeletta „eine noch nicht unbekümmerte Zwischenruferin“ sind durchaus mit Engagement dabei. Da das Publikum zu beiden Seiten der Bühne sitzt, geht vieles schon deshalb unter, weil die Schauspieler eben immer wieder in die andere Richtung sprechen. Nicht zuletzt kommt aber noch die an und für sich recht spannende Musik von Daniel Murena dazu, die manches verdeckt. Das soll vermutlich so. Allerdings darf man sich schon fragen, warum es für diese nicht selten spektakuläre Performance eigentlich noch ein Stück braucht. Zumal dessen Kenntnis zumindest ja nicht vorausgesetzt werden kann. So lässt sich zwar ein gewisser Schauwert, auch wegen der bizarren Kostüme von Tine Werner, ebenso wenig leugnen wie ein gewisser Humor, der Attacken auf die Soufflage ebenso wie das späte Stichwort von der „postdramatischen Belastungsstörung“. Der Rest ist Radau.

Selbst sehen

„Attentat oder frische Blumen für Carl Ludwig“ ist Mittwoch, Freitag sowie am 27. September, jeweils um 20 Uhr, zu sehen.

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