Neue Sichtweisen: Regisseur Frank Hilbrich und Dirigent Florian Ziemen über die Operette „Der Vetter aus Dingsda“

Vorteile der Verlogenheit

Szene aus der Bremer Inszenierung „Der Vetter aus Dingsda“: „Pop schert sich nicht um Wahrhaftigkeit.“

Von Tim SchomackerBREMEN (Eig. Ber.) · Songs von Lady Gaga oder Madonna analysieren ihre eigene Form gleich mit. Im Gespräch über Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“, die heute im Bremer Theater am Goetheplatz Premiere hat, erklären Regisseur Frank Hilbrich und Dirigent Florian Ziemen, wie historische Aufführungspraxis in der Unterhaltungsmusik funktioniert und betrachten die Sehnsucht nach den 1920ern aus der Pop-Perspektive .

?„Der Vetter aus Dingsda“ wurde 1921 uraufgeführt. Was erfahren wir über diese Zeit?

!Ziemen: Wenn man sich das Datum klar macht, 1921, ist diese Partitur wahnsinnig modern. Ein Großteil der Musik ist – auch wenn manchmal ein bisschen „Hänsel und Gretel“ daher kommt – gewissermaßen aus der amerikanischen Ecke komponiert. Diese Jazzeinflüsse sind kurz nach dem Ersten Weltkrieg ganz neu. Künneke war, auch wenn es von heute aus vielleicht brav wirkt, ganz vorne dran.

?Warum ist das ein gutes, ein für Sie reizvolles Stück für 2010?

!Ziemen: Was wir versuchen, ist eine historische Aufführungspraxis. Wir haben uns sehr stark mit den Quellen beschäftigt. Zum ersten Mal spielen wir aus der handschriftlichen Partitur aus Künnekes Nachlass in der Berliner Akademie der Künste. Wir hatten in Berlin ein tolles Umfeld, haben Operettenforscher und Schellackplattensammler getroffen.

!Hilbrich: Das ist unsere erste Zusammenarbeit. Wir konnten einander immer wieder auf neue Aspekte hinweisen. Dass wir uns sehr vorlaut in den Bereich des jeweils anderen eingemischt haben, hat der Produktion gut getan. Mit der Musik dieser Zeit beschäftigen wir uns ja gewissermaßen mit unserer Antike.

!Ziemen: Rein ästhetisch bekommt man da ein Bild, das ist ganz anders als unser Bild von der Operette. Man kommt da nur ran, wenn man das Stück nicht dekonstruiert, sondern es sich erst einmal mit sich selbst in Beziehung setzt.

?Was findet man da?

!Ziemen: Das war wirklich Popmusik. Keine Kunstmusik, die Bezüge herstellt, die Sachen diskutabel macht, die über sich hinaus weist. Pop schert sich nicht um Wahrhaftigkeit, es geht um den attraktiven Moment, die wirksame Geste, die Pose, die „wow!“ macht. Keine B-Klasse-Oper von einem, der nicht so gut komponieren konnte wie Richard Strauss, sondern eine Art von Vergnügen, das in seiner bewussten Vordergründigkeit ein Flirren und eine Erotik erzeugt.

?Wie inszeniert man denn so, dass es „wow!“ ist?

!Als Story ist „Der Vetter aus Dingsda“ ja ganz schön trivial. Es wäre verkehrt, darin eine größere Welt aufmachen zu wollen. Interessanter ist: Was war denn die Operette als Lebenshaltung? Die Operette ist eine Form, die immer gespielt hat: mit den Themen der Zeit, ihren Musiken und Stilmitteln. Eigentlich vergleichbar mit den Fernsehshows von Harald Schmidt.

?Da kommt man natürlich gelegentlich an den Punkt, dass, was neu war heute älter geworden ist.

!Hilbrich: Ich habe bei den Proben manchmal das Gefühl gehabt, es wäre klüger, neue Operetten zu versuchen, denn das Lebensgefühl der Alten können wir nicht mehr reaktivieren. Andererseits schreibt Künneke da ein Stück, in dem die Alten versuchen, den Jungen ihr Erbe wegzufressen. Da sind wir schon in einem aktuellen Themenfeld. Nur ästhetisch ist das ein Problem: Musikalisch war es damals das Neueste vom Neuen, heute ist es süß und alt. In Berlin, wo wir beide leben, machen viele junge Leute 1920er-Jahre-Parties. Oder denken Sie an den großen Erfolg von Max Raabe. Es gibt so eine merkwürdige Sehnsucht nach Stil, nach Eleganz, nach Glamour. Vielleicht auch nach einer lieber gelogen-falschen, aber schönen Welt, als der hässlichen realen Brutalität, die uns umgibt. Wir Theaterleute machen es uns immer so leicht. Wir glauben, wir dürften immer nur mit der reinsten Wahrheit ans Publikum treten. Bei der Operette tun wir das mit der größten Verlogenheit.

?Sagt uns diese gezielte Verlogenheit etwas über unsere Gegenwart?

!Hilbrich: Wir müssen das umdrehen: Damals haben die jungen Leute die neue Musik für sich gekapert, sie tanzen Foxtrott auf der Bühne, während die Alten verkommen und doppelmoralisch wirken. Ich fand es reizvoll, gerade im Zusammenhang mit der Achtundsechziger-Generation, die mal in so eine Situation zu kippen. Diese Generation hat ihre große Zeit gehabt, keine Frage, wird aber jetzt genauso egoistisch und engstirnig wie ihre Vorgänger. Die Jungen treten bei uns nicht mit neuer, sondern mit alter Musik dagegen an. Da ist diese Sehnsucht nach früher. Im Stück bauen die sich so eine Kitschwelt.

?Bei Ihnen wird also „1921“ im Stück selbst rekonstruiert, von den jüngeren Figuren?

!Hilbrich: Wir deuten die Musik als Zitat. Die Hauptfigur Julia ist eine junge und sehr reiche Frau. Wir haben uns gefragt: Warum soll die sich nicht ein Showorchester leisten? Volker Thiele hat die Villa auf die Bühne gebaut, und die Figur baut sie um. Sie sprengt in Ihre Villa einen Raum, wo dieses Showorchester Platz nehmen kann.

?Damit werden die Musiker also zu Schauspielern, die ein Showorchester spielen?

!Hilbrich: Dadurch, dass es hinter den Sängern sitzt, entsteht eine Plastizität der Stimmen. Zugleich hört man die Orchestrierung ganz klar.

!Ziemen: Anders als in der Oper stehen Dirigent und Orchester nicht in der Ferne. Dadurch können wir uns auf das flexible Tempo, das das Tempo des Sängers – im Sinne des Stücks also des Stars – ist, einlassen. So kommt man von diesem „klassischen“ Blick auf das „Werk“ weg und gelangt zu einer spielerischen Freiheit. Wir spielen in einer Art Tanzkapellenversion – im weißen Smoking auf der Bühne.

„Der Vetter aus Dingsda“: Premiere heute um 19.30 Uhr am Theater Bremen.

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