Bernd Sucher klopft die Theaterliteratur auf ihre Ratgebertauglichkeit ab – findet aber nur Binsenweisheiten

Vorsicht vor Alkohol, Halsabschneidern und anonymen Briefen

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierWährend die Musik von Richard Wagner, Ludwig van Beethoven und sogar Johann Sebastian Bach im Dritten Reich nicht vor der Vereinnahmung des Regimes gefeit war, wurde den Klassikern des Sprechtheaters fast ausnahmslos die Ehre der Ächtung zuteil.

Undenkbar schien es zum Beispiel, Lessings „Nathan der Weise“ auf die Bühne zu bringen, dieses Lehrstück der Toleranz. Und selbst pathosgetränkte Heldensagen wie „Wilhelm Tell“ waren den Nazis bald ein Gräuel. Allzu leicht könnte der Tyrannenmord in der Schweiz seine Nachahmer im deutschen Reich finden.

Was das Theater vor dem Missbrauch schützte, war seine Struktur. Dramatik ist einfach fasslicher als Musik, und an ihrem Ende steht meist eine konkrete Erkenntnis, bis hin zur unmittelbaren Handlungsanleitung. Bernd Sucher, langjähriger Chefkritiker der Süddeutschen Zeitung, sieht das Theater gar als Ratgeber fürs Leben, als eine Art Dienstleister für den Bürger. „Meine kleine Theater-Lebenshilfe“ heißt deshalb sein neuestes Buch. Es ist ein Streifzug durch die Literatur, von A bis Z sortiert nach den gängigsten Problemen des Alltags. Sein häufigster Satz darin: „Was lernen wir daraus?“

Los geht es mit A wie Alkohol – und damit natürlich bei Anton Tschechow, Tennessee Williams und Edward Albee. Sucher beschreibt die Exzesse in „Onkel Wanja“, in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ und natürlich in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“, wo gebechert wird, bis der Arzt kommt. Und weil aus der ganzen Sauferei weder bei Tschechow noch bei Albee etwas Gutes entsteht, begreift Sucher den Stoff als Warnung: „Was lernen wir daraus? In Maßen trinken.“ Was für eine Erkenntnis.

Das geht eine gute Strecke so weiter: Binsenweisheiten als Essenz von Weltliteratur. Aus der Lektüre von Molières „Don Gil von den grünen Hosen“ bezieht er die Erleuchtung, dass es „Halsabschneider“ auch „unter Ärzten“ gebe. Mit Shakespeares „Julius Cäsar“ lernt er, dass anonyme Briefe „eine fatale Wirkung haben“ können („Man sollte ihnen nicht vertrauen“). Und Schillers „Braut von Messina“ warnt ihn vor der Macht des Argwohns: „Was lernen wir daraus? Eifersucht kann tödlich enden.“

Es gibt dann doch noch den einen oder anderen interessanten Gedanken in diesem Buch. Etwa zum Thema Eitelkeit, wo Sucher auf ein bemerkenswertes Stück von Pierre Carlet de Marivaux zu sprechen kommt. „Der Streit“ heißt diese Komödie, in der vier Probanden von Geburt an isoliert aufwachsen und erst im Alter von 18 Jahren ihr eigenes Spiegelbild sehen dürfen. Fasziniert von der Schönheit dieses Anblicks stolzieren sie fortan als Narzisse durch die Welt, unfähig in anderen Menschen etwas anderes zu sehen als eine Projektionsfläche der eigenen Außenwirkung.

Das Thema, schreibt Sucher, sei biografisch bedingt. So habe Marivaux als junger Mann eine Hochzeit kurzfristig abgesagt, nachdem er seine Verlobte beim Mimik-Training vor einem Spiegel überrascht hatte. Ihr Lachen, ihr Augenzwinkern, ihre Grazie, alles, was ihn bis dahin für sie eingenommen hatte: Es entpuppte sich als das schnöde Ergebnis wohlkalkulierter Übungen.

Was lernen wir daraus? Vielleicht einfach nur, dass es nicht immer etwas zu lernen geben muss, damit eine Geschichte unterhaltsam ist.

C. Bernd Sucher: „Meine kleine Theater-Lebenshilfe“, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2011; 160 Seiten; 14,90 Euro.

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