Ein Gespräch mit Thomas Albert über Nikolaus Harnoncourt

„Von Anfang an anders“

Professor Thomas Albert - Foto: Luisa Eugeni

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Nikolaus Harnoncourt ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Zweifellos eine Jahrhundertfigur, hat er nicht nur die historische Aufführungspraxis mit einer Radikalität vorwärtsgetrieben, die unser Musikleben maßgeblich verändert und Tausende junger Interpreten vom unreflektierten „Gefühl“ abgehalten hat.

Nikolaus Harnoncourt bei der Arbeit. Der Dirigent starb am 5. März im Alter von 86 Jahren. - Foto: dpa

Er hat auch mit seinen Forschungen und Schriften Musiker wie Musikhörer so verändert, dass „kulinarisches“ Spielen und Hören immer unmöglicher wurden und jedes neue Wissen keineswegs zu Besserwissen führte, sondern zu immer neuen Fragen: Wie könnte es geklungen haben? Seit Ende der 1960er-Jahre war Harnoncourt in Bremen, und schon damals veränderte er das Leben des 1953 geborenen Geigers Thomas Albert, der heute an der Hochschule für Künste Bremen Professor für Barockgeige ist. In Nachfolge der Bremer Sommerakademien mit Harnoncourt gründete er 1986 die „Akademie für Alte Musik“ als erste selbstständige Ausbildungseinrichtung ihrer Art in Deutschland. Anlässlich des Todes seines wichtigsten Mentors erinnert sich der Intendant des Musikfests an dessen Einflüsse und die Anfänge der heute weltweit renommierten Akademie für Alte Musik.

Herr Albert, hat bei Ihnen die „Zündung“, Alte Musik historisch korrekt oder sagen wir besser: historisch korrekter zu machen, mit Harnoncourt zu tun?

Thomas Albert: Ganz unmittelbar und direkt. Wenn man zwischen sechzehn und zwanzig Jahren direkt über die Schultern in die Produktionen von Harnoncourts „Concentus Musicus Wien“ schauen kann, aber auch – und das hat mich noch mehr geprägt – im gemeinsamen Musizieren und seinem Unterricht 1972 bei der ersten Sommerakademie. Die veranstaltete damals die „Gesellschaft Norddeutsche Musikpflege“ mit dem damaligen Redakteur bei Radio Bremen, Wolfgang Buchner, als Initiator. Schon da ging es permanent um „Warum?“ und „Seid neugierig“. Das treibt mich bis heute um, mehr denn je.

Immer mehr wandte Harnoncourt sich modernen Orchestern zu, auch moderner Musik von der Romantik bis zu Béla Bartók. Ist das ein verräterischer Kompromiss, oder konnte die Neue Musik aus der Alten lernen?

Albert: Das empfanden wir damals alle als eine Art Verrat. Aus heutiger Sicht war es ein wichtiges Signal. Der Gewinn ist, mit aufführungspraktischen Parametern die Musik besser zu verstehen. Heute denke ich, dass die Neugier, mit der Harnoncourt uns begegnet ist und die er von uns verlangt hat, automatisch dazu führt, die Musikgeschichte sozusagen nach vorne zu entwickeln, immer wieder die Aktualität darzustellen. Alte Musik ist die Musik von toten Komponisten.

Welche Musiker haben Sie auf Ihrem Weg als Akademieleiter, aber auch als Geiger außerdem beeinflusst?

Albert: Am stärksten Sigiswald Kuijken. Dann Frans Brüggen. Ich hatte das Glück, über viele Jahre mit beiden zu musizieren. Entscheidend für alle Impulse aber sind Persönlichkeiten wie Harnoncourt. Dazu kam Harald Vogel mit den historischen Orgeln in Ostfriesland und die Zusammenarbeit mit meinen Berliner „Lehrern“ Gerhard Kastner und Holger Eichhorn.

In der Alten Musik scheint es eine Musikwissenschaft „unter sich“ zu geben. Die Diskussion über die historische Aufführungspraxis scheint in der traditionellen Musikwissenschaft überhaupt noch nicht angekommen zu sein. Stimmt das, und worauf führen Sie das zurück?

Albert: Das stimmt. Noch immer spielt in der Musikwissenschaft die Praxis so gut wie keine Rolle. Das haben wir in Bremen von Anfang an ganz anders gemacht, immer Interdisziplinarität hergestellt.

Heute haben fast alle Hochschulen für Musik europaweit Spezialabteilungen für Alte Musik. Was unterscheidet Ihre Akademie von diesen Ausbildungsgängen?

Albert: Ich nenne für das Ziel unserer Ausbildung: den wissenden Musiker und eine informierte Subjektivität. Der Grundimpetus ist Durchlässigkeit. Neben der Ausrichtung haben wir inzwischen eine Erfahrung, die uns von anderen unterscheidet: das absolut kritische und vor allem selbstkritische Musizieren. Das erarbeiten wir in einem Repertoire von der Spätrenaissance bis zu Beethoven. Die Schnittstelle für all das ist der bahnbrechende Stilwechsel um 1600 durch Claudio Monteverdi. Gerade hier zeigt der Mainstream: Wir müssen wieder neugierig sein. Durch 150 Studenten aus aller Welt dieses Jahr allein in unserer ersten Winterakademie konnten wir Werke mit fünf Posaunen oder acht Dulzianen besetzen: Wo hört man solche Klänge? Das alles geht auf Harnoncourt zurück, der eine beeindruckende, auch polarisierende Persönlichkeit voller Humanität war, die Maßstäbe gesetzt hat, wie man es auch oft beim Musikfest Bremen erleben konnte – hier hat er 2002 den großen Musikfestpreis bekommen. In großer Dankbarkeit können wir nur hoffen, dass sein Einfluss noch weit in die Zukunft reichen möge.

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