Mit Volldampf ins Chaos

Hannover nimmt mit Schauspielpremiere Abschied von Intendant Walburg

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„Rotkäppchen und der Wolf“ ist ein Drama mit Mut zum Albernen. Im Bild: Sarah Franke und Wolf List.

Hannover - Von Jörg Worat. Wer wollte nicht immer schon mal einen Sessel, eine Butterblume oder eine Nähmaschine spielen? Jede Menge Darstellerträume gehen bei Martin Mosebachs Text „Rotkäppchen und der Wolf: Ein Drama“ in Erfüllung. Das Schauspiel Hannover richtete mit der Premiere zum Ende von Lars-Ole Walburgs zehnjähriger Intendanz ein angemessen originelles Chaos im Schauspielhaus an.

Der Besucher dürfte durch die Inszenierung von Hausregisseur Tom Kühnel wohl kaum einen völlig neuen Blick auf das Leben im Allgemeinen und das Theater im Besonderen gewinnen. Sie ist vielmehr vor allem ein Vehikel für das Ensemble, das hier komplett antritt – körperlich abwesend ist allein Carolin Haupt, die andernorts bereits einer Proben-Verpflichtung nachgeht, Hannovers Rotkäppchen-Version aber durch Einspielungen ihrer Stimme bereichert. Zusätzliche Akteure wie ein Chor sorgen für ein besonders variables Bühnengeschehen.

Sie alle schmeißen sich mit Volldampf in Mosebachs Mischung aus Märchen, Mythos und Mummenschanz. Erlaubt ist, was gefällt: ein bisschen Philosophie hier, etwas Coming of Age da, ein Hauch Tragödie oder eine Prise Groteske dort. Sprachlich geht‘s meistens gereimt zu, so erkennt etwa die Titelheldin glasklar: „Rotkäppchen trag’ ich und Rotkäppchen bin ich – selten ward eine Bezeichnung so stimmig!“ Albern? Natürlich, aber Albernheit so lustvoll zu präsentierten, dass sie schon wieder funktioniert, ist ein besonders schwieriges Kapitel, und das Ensemble zeigt sich in den entsprechenden Passagen bestens gewappnet.

Erlaubt ist, was gefällt – Szene mit Katja Gaudard.

Autor Mosebach zählt im Programmheft-Text Sinnlichkeit und Absurdität zu den Urkräften des Theaters. Beides wird hier reichlich bedient, wenn etwa das leicht umnachtete Pilzsextett auftritt, der grimmige Jäger und seine Mutter zum unpassendsten Zeitpunkt über Kaffee und Hörnchen debattieren oder Besen und Pantoffeln durchs Schwarzlicht taumeln. Das schließt Ernsthaftigkeit nicht aus: Johanna Bantzer macht aus der Wolfsgattin eine echte Charakterstudie.

Und es gibt viele dieser kleinen und großen Höhepunkte, die Aufzählung muss zwangsläufig ungerecht ausfallen. Sämtliche Generationen der Rotkäppchen-Sippe sind großartig: Das Mädel selbst, dem Sarah Franke auf sehr reizvolle Art unterkühltes Pathos mitgibt, die psychisch labile Mutter, von Katja Gaudard mit offensichtlich sehr zwiespältigen Gefühlen gegenüber der Tochter gespielt, Beatrice Freys herrlich schreckschraubige Großmutter. Und auch Günther Harders größenwahnsinniger Jäger ist Extraklasse.

Zur Pause dürfen sich die Hasenkinder, die zeitnah ins Bett müssen, schon ihren Applaus abholen. Insgesamt dauert die Vorstellung über dreieinhalb Stunden, und ja, irgendwann zieht sie sich. Der Schlaf (Silvester von Hösslin) sinniert über die Lessings – Doris und Gotthold Ephraim –, über den Tod und, richtig, den Schlaf. Napf- und Lebkuchen (Susana Fernandes Genebra und Sebastian Weiss) treten zur Battle-Rap-Einlage an. Den Revolverheld-Song „Halt dich an mir fest“ singt ausgerechnet die Weinflasche (Jakob Benkhofer). Für sich genommen alles fein, aber zu diesem Zeitpunkt ein Overkill.

Das Publikum spendet gleichwohl stürmischen Applaus, an dem der anwesende Autor teilhaben darf, und stehende Ovationen. Sicherlich nicht nur für diesen Abend, sondern auch für die vergangenen zehn Jahre, in denen man hier mancherlei Bewegendes hat erleben können. Und so scheint ein Dankeschön durchaus angebracht.

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