Nigel Kennedy interpretiert in Bremen „Die vier Jahreszeiten“

Vivaldi mit E-Gewitter

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Neuer Blick auf den Klassiker: Von Nigel Kennedy kann der Musikbetrieb immer noch etwas lernen. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierAnfang der neunziger Jahre glaubten nicht wenige, er selbst habe „Die vier Jahreszeiten“ komponiert. Es war der Höhepunkt in der Karriere des Nigel Kennedy, der Punk-Geiger aus Großbritannien galt als Hoffnungsträger des Musikbetriebs, und seine Vivaldi-Einspielung wurde die meistverkaufte Klassik-Platte aller Zeiten.

Verglichen mit damals ist es heute ruhig geworden um Kennedy. Es erscheint rückblickend fast unglaublich, dass allein der Auftritt mit zerrissener Jeans seinerzeit noch als Ausweis der Rebellion gelten konnte. Und was die Vermarktung von Crossover-Projekten betrifft, so hat längst der allgegenwärtige David Garrett seinem Vorgänger den Rang abgelaufen.

Jetzt also wieder der Vivaldi, nach all den Jahren: groß angekündigt als erster Teil seines Konzerts in Bremen – als zweiter Teil nach der Pause dagegen die „Four Elements“; eine eigene Kompositionen des Geigers. Das hört sich praktisch an für all diejenigen, die sich für Kennedys eigene Stücke so sehr interessieren wie für den umgefallenen Sack Reis in China. Zur Pause nämlich lässt sich in diesem Fall getrost die Heimreise ins Auge fassen.

Wer so plant, macht jedoch die Rechnung ohne den Solisten. Kurzerhand nämlich hat dieser die Reihenfolge umgedreht. Elemente statt Jahreszeiten, Jazz-Pop-Mix statt reine Lehre des Barock.

Es ist ein erschreckender Beginn und das keinesfalls nur für die Puristen im Publikum. Erschreckend deshalb, weil sich Kennedy erst um eine Viertelstunde verspätet, dann weitere Ewigkeiten für die Präsentation seines „Orchestra of Life“ benötigt und schließlich eine derart scheppernd knallige „Overture“ anstimmen lässt, dass von dem ganzen Ensemble bis auf E-Geige und E-Gitarre nichts mehr zu hören übrig bleibt – am allerwenigsten von der dünnen Stimme einer Frontsängerin namens „Z-Star“.

Rätselhaft bleibt, was sich Kennedy bei diesem Einstieg gedacht hat, erweist sich doch seine anschließende Studie über Luft, Erde, Feuer, Wasser als durchaus hörbare Angelegenheit. Folkloristisch angehauchte Geigensoli legen sich über passacagliaartige Basslinien, Jazz elemente fügen sich zu Barockanleihen. Das alles ist handwerklich sauber komponiert und von Kennedy weitgehend kitschfrei (ohne schmierige Glissandi, schmerzvolles Vibrato) interpretiert.

Und doch: Wenn sich das Flügelhorn arg bluesig in den Streicher-Klangteppich einwebt, so stellt sich die Frage nach der Substanz. Das Ergebnis mutet dann allzu sympathisch an, allzu solide und gefällig. Es ist eine Musik für Wellness-Tempel und Entspannungs-Sessel: ein Widerspruch zur äußerlich betonten Punkigkeit.

Es sind tatsächlich die „Vier Jahreszeiten“, die diesen Abend retten, gerade weil sie nicht die Erwartungen eines konservativen Publikums erfüllen. Kennedy unterlegt Vivaldis „Frühling“ mit Djembe-Getrommel und Vögelchen-Gezwitscher, breitet damit ein gar liebreizendes Idyll aus. Das alles ist hochgradig ironisch und zwar gleich in mehrfacher Bedeutung: als Reflexion von Vivaldis Motivarbeit selbst, aber auch als Kommentar zur Erwartungshaltung seines Publikums.

Wenn sich dann der Sommersturm mit Unterstützung von E-Gitarre und E-Geige zu einem E-Gewitter entwickelt, so zeigt sich darin ein geradezu theatralisches Werkverständnis, das den barocken Notentext aus dem Hier und Heute heraus begreifen will. Dass ein solcher Zeitsprung nicht jedermanns Sache ist, liegt auf der Hand. Gleich reihenweise verlassen enttäuschte Besucher frühzeitig den Saal.

Großartig schließlich ist die unversehens eingefügte Reminiszenz an Jimi Hendrix: die US-Nationalhymne auf E-Geige intoniert, wie weiland in Woodstock. Der Klassikerbegriff erfährt hier eine musikhistorische Neubesichtigung, die Sommer idylle eine nostalgische Dimension – und der „Herbst“ eine wunderbar energische Einleitung. Unterhaltungsmusik im besten Sinne ist das und damit ganz nah dran an der barocken Virtuosität Vivaldis.

Eine solch unverkrampfte, gleichwohl inhaltlich begründete Interpretation wünschte man sich öfter auf den Konzertbühnen. Nigel Kennedy, das hat sein Auftritt gezeigt, kann dem Musikbetrieb also immer noch Impulse geben. Wenn auch nicht als Komponist, so doch als Interpret.

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