„Visual Leader“: Umfangreiche Fotografie-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen

Alle Fouls auf einem Bild

Aaaaaaaaaarrrrrgh! Im kanadischen Gruselkabinett „Nightmare Fear Factory“ müssen die Besucher damit rechnen, im Moment des größten Entsetzens fotografiert zu werden.
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Aaaaaaaaaarrrrrgh! Im kanadischen Gruselkabinett „Nightmare Fear Factory“ müssen die Besucher damit rechnen, im Moment des größten Entsetzens fotografiert zu werden.

Hamburg - Von Jörg Worat. Die imposanten Räumlichkeiten der Hamburger Deichtorhallen eignen sich besonders für ebenso imposante Ausstellungen. Auf die Schau „Visual Leader“ trifft dieses Kriterium allemal zu – jährlich werden dabei in etlichen Kategorien Highlights aus Zeitschriften, Zeitungen oder Internet vorgestellt. Wer daran denkt, die Sache mal eben im Vorbeigehen abzuhaken, ist völlig schief gewickelt: Hier muss man für den Besuch unbedingt Zeit mitbringen.

Eine einheitliche Stilistik ist weder vorhanden noch erwünscht. Die Bandbreite etwa im Bereich „Architektur- und Still-Life-Fotografie“ könnte größer nicht sein. Da gibt es Daisuke Yokotas „Nocturnes“, mit einer Nachtsichtkamera geschossene Bilder von teilweise fast mystischer Ästhetik. Auf eine ganz andere Weise rätselhaft sind die Luftaufnahmen des Polen Kacper Kowalski, der mittels eines Mini-Hubschraubers verschneite Szenarien ablichtet, die auf den ersten und möglicherweise auch zweiten Blick kaum zuzuordnen sind.

Kai Senf wiederum hat sich für eine besondere Art der Sportfotografie entschieden. Aus 3500 Einzelaufnahmen während eines Fußballspiels filtert er einen Motivstrang heraus und legt die entsprechenden Bilder übereinander – so kann man auf einem Tableau etwa sämtliche Fouls eines Matchs sehen oder die Bewegungen der Schiedsrichter (dies übrigens beim berüchtigten 3:3 zwischen Hannover 96 und dem 1. FC Nürnberg in der vergangenen Saison). Auch das Bundes- und das Landeskriminalamt Thüringen sind in der Auswahl vertreten, und zwar unter dem passenden Titel „Das Banale und das Böse“: Abgelichtet sind Gegenstände aus dem NSU-Umfeld, die blutverschmierte Hose ebenso wie die „Sex and the City“-DVD.

Nicht minder abwechslungsreich geht es bei der Reportagefotografie zu. Steeve Iuncker etwa, der sich für urbane Extreme interessiert, hat mit Jakutsk die kälteste Großstadt der Welt aufgesucht. Frankfurt dagegen war das Ziel von Juergen Teller und zwar gerade nicht die schicke Seite der Metropole – lieber hat sich der Fotograf den etwas schrägeren Ecken und originellen Typen zugewandt. Harter Stoff dann bei Sara Naomi Lewkowicz, die dokumentierte, wie ein aus der Haft entlassener Straftäter wieder Fuß in der Familie zu fassen versuchte, und dabei auch Bilder häuslicher Gewalt einfing: grenzwertige und in mehrfacher Hinsicht diskussionswürdige Aufnahmen.

Abteilung „Mood- und Modefotografie“: Das Spektrum reicht von Bela Borsodis extravaganten Hinguckern, bei denen die Models einer Explosion von Lichtstreifen ausgesetzt sind, bis zu den verträumten Naturszenerien der Schwedin Lina Scheynius, die es schafft, die Zwillinge Inga und Neele bei der Präsentation deutscher Mode so abzulichten, als seien die Posen das Selbstverständlichste der Welt.

Fünf Kandidaten gibt es für das „Foto des Jahres“. Auch hier Kontraste ohne Ende: Der weinende Uli Hoeneß steht neben der „Femen“-Aktivistin, die während der Hannover-Messe auf Putin losgeht, und dem erschütternden Bild des Paares, das sich nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch noch im Tod umarmt.

In der Kategorie „Zeitschriftenbeitrag des Jahres“ geht es gleich mehrfach um die NSU-Prozesse. Aber auch „45 Prominente befragen Joachim Löw“ ist in der Auswahl vertreten, und zu den bizarrsten Exponaten überhaupt gehört die Serie „Zum Schreien“: Die Besucher des kanadischen Gruselkabinetts „Nightmare Fear Factory“ müssen damit rechnen, im Dunklen fotografiert zu werden – die Angstgrimassen wirken derart überdreht, dass sie wohl in der Tat nicht inszeniert sein können.

Wer sich für Werbung interessiert, wird in der Ausstellung ebenfalls fündig. Unter den vorgestellten Kampagnen sind farbstarke Bilder, die, wie auch immer, eine koffeinhaltige Limonade schmackhaft machen sollen, oder Beispiele dafür, dass hinter einer gewissen Zeitung angeblich immer ein kluger Kopf steckt – immerhin ist es gelungen, dafür unter anderem Lisa Simpson zu rekrutieren, deren Intelligenzquotient ja tatsächlich den Durchschnitt in der sonst eher unterbelichteten Zeichentrick-Familie beträchtlich anhebt.

Es gibt zahlreiche weitere Kategorien. Die Fachleute von der „Lead Academy“ haben ihre jeweiligen Favoriten schon gewählt, die Ergebnisse werden aber vorläufig noch nicht bekanntgegeben. So hat der Besucher vor Ort bis zum 12. September die Möglichkeit, ohne äußere Beeinflussung ein eigenes Votum abzugeben. Und auch an diejenigen, für die zur Zeit keine Hamburg-Fahrt drinliegt, wurde gedacht: Im Internet kann man beim Publikumspreis in den Fotografie-Sparten abstimmen. Die Adresse lautet www.deichtorhallen.de; dort gibt es auch weitere Informationen zur Ausstellung.

Bis 5. Oktober in den Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1-2. Öffnungszeiten: Di.-So. 11-18 Uhr.

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