Science-Fiction-Thriller „Die Netzwelt“

Virtuelles Grauen

Wer ist eigentlich wer? In „Netzwelten“ ist niemand, wer er scheint, auch Iris (Rebecca Seidel) und Woodnut (Rajko Geith) nicht.
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Wer ist eigentlich wer? In „Netzwelten“ ist niemand, wer er scheint, auch Iris (Rebecca Seidel) und Woodnut (Rajko Geith) nicht.

Oldenburg - Von Corinna Laubach. Die Gedanken sind frei. Und ebenso die Fantasie? Sind nicht irgendwo Grenzen gesetzt, die Ungeheuerliches verbieten? „Es sind nur Bilder“, beteuert Sims (Klaas Schramm). Er hat eine perfekte, bezahlte Traumwelt geschaffen.

In seinem „Refugium“ kann ein anonymer virtueller Club Bedürfnisse befriedigen, die in der Realität strafbar sind: Sex mit Kindern, allen voran kleinen Mädchen, und sinnloses Morden mit der blitzenden Axt. Ein Missbrauchsparadies im strengen viktorianischen Charme, mit höflicher Fassade vor dem grauenvollen Handeln.

Schlimmste Strafe der Zukunft: Kein Internetzugang

Die unternehmerische Abgebrühtheit, mit der sich Sims, den in der virtuellen Parallelwelt alle nur „Papa“ nennen, dem skandalösen Missbrauch und Morden nähert, lässt einen erstarren. Strafbar? Nein, für den wohlgekleideten Sims ist es Selbstbefreiung. Er habe einen Ort geschaffen, an dem man ganz man selbst sein könne. Die Mädchen wie Iris (erfrischend: Rebecca Seidel) seien freiwillig hier und programmiert für ihr Tun. Selbst das rituelle Axtmassaker, zu dem Stammgäste greifen müssen, kann den zarten Schönheiten nichts anhaben. Sie spüren keinen Schmerz und nach jedem Morden stehen sie einfach wieder auf. Schöne neue Welt?

Kommissarin Morris (Nientje C. Schwabe) der Ermittlungsbehörde „Die Netzwelt“ sieht das hingegen anders. Sie will Sims zur Strecke bringen, seinen Server sperren, schleust mit Woodnut (Rajko Geith) einen Agenten im „Refugium“ ein. Ein verwirrendes Kopf-an-Kopf-Rennen beginnt. Und am Ende wird es für Sims die Höchststrafe der Zukunft geben: Seine Logindaten sind vernichtet, kein Zugang mehr zum Netz. Exil in der Realwelt.

Grenzen der Vorstellungskraft

„Die Netzwelt“ ist ein Krimi, der die Zuschauer im Oldenburger Kleinen Haus an die eigenen Vorstellungsgrenzen bringt und Fragen nach Moral und Rechtsfreiheit aufwirft. Was ist real? Was ist virtuell? Kann man im Internet tatsächlich alles über Bord werfen, einfach in einen anderen Charakter schlüpfen und dunkle Triebe ohne Konsequenzen befriedigen?

Jennifer Haleys preisgekröntes Stück spielt geschickt mit Ekel, Vorstellungsmacht und Neigungen. Die Machenschaften im rein weißen, unschuldig wirkenden „Refugium“ (Bühne: Jürgen Höth) wirken auf den ersten Blick keineswegs abstoßend. Ein umsorgender Papa, nette Gäste, aufgedrehte Kinder, die im Ballettröckchen durch den Raum tanzen. Doch dieses Bild trügt natürlich die Sinne. Hier ist nichts Schönes zu sehen. Im Gegenteil.

Grandioser Showdown

Der Abend ist abstrus, abstoßend, verstörend – und überrascht mit ungeahnten Wendungen. Matthias Kaschig lässt die Drehbühne geschickt rotieren und wechselt immer wieder die Erzählebenen. Eben noch im Verhör bei Morris, ist man in der nächsten Minute in Iris' Schlafzimmer. Die strenge Ermittlerin hat mit Lehrer Doyle (Thomas Birklein) einen Stammnutzer des „Refugium“ ausgemacht und bringt den alten Mann, der vollkommen unscheinbar vom Scheitel bis zur Sohle in einem hellen Beigeton aufzugehen scheint, dazu, gegen Sims auszusagen.

Die perfekte Simulation, die bietet nicht nur Sims‘ Pädophilenparadies. Auch der Showdown hat es in sich. Wer ist hier eigentlich wer? Und hat tatsächlich alles keinerlei Bedeutung und Konsequenzen? Wer hier in welchem Körper steckt ist am Ende überraschend. Besser macht es nichts. Ganz im Gegenteil. Und Iris möchte man gern in den Arm nehmen, wenn sie Sims mit Kulleraugen fragt: „Liebst Du mich?“ Reale Gefühle und virtuelle Welten, da scheint der Spagat dann aber doch zu groß.

Nächste Vorstellungen: 16. und 21. Juni um 20 Uhr; 18. Juni um 15 Uhr, Kleines Haus, Oldenburgisches Staatstheater

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