Die Künstlergruppe SEX eröffnet in der Städtischen Galerie Bremen einen Plattenladen auf Ausstellungszeit

Vinylskulpturen und Covertafeln

Lauter Vinyl in der Städtischen Galerie Bremen.

Von Rainer BeßlingBREMEN (Eig. Ber.) · Die nächste Ausstellungseröffnung in der Städtischen Galerie Bremen dürfte ein wenig anders aussehen als gewohnt. Auch ist ein Publikum zu erwarten, das es üblicherweise vielleicht nicht in Kunsthäuser treibt. „SEX sex®shop“ heißt eine von drei Präsentationen, die am Samstag (19 Uhr) startet.

Allerdings ist nicht drin, was draufsteht. „sex®shop“ heißt ein Schallplattenladen, weil die Künstlergruppe, die ihn betreibt, sich das klingende Label „SEX“ gegeben hat. Vermutlich ist es müßig, darüber nachzudenken, warum das Trio Anneli Käsmayr, Branca Colic und Michael Rieken so heißt. Spannender ist die Frage, was ein Recordshop in einer Galerie zu suchen hat.

Wer den mit Platten gefüllten Raum der Städtischen Galerie betritt, wird schnell registrieren, welch bildhafte und schmückende Wirkung die schönen großen Papphüllen der guten alten Vinylscheiben haben. In großen Blöcken angeordnet, stehen sie, zumindest im Blick des geneigten Plattenfans, kaum zurück hinter serieller Geometrie in ästhetischer Absicht.

Auch Haufen von Schallplatten wirken nicht nur skulptural, auf Liebhaber üben sie einen geradezu soghaften haptischen Reiz aus. „Künstlerisch“ wirkt denn auch, dass das Bremer SEX-Trio bei den Wand-Platten nicht das Cover, sondern das Etikett in der Plattenmitte zeichnerisch ausgestaltet hat. Hier werden Motive remixt, hoch und runter gezoomt, vom Figürlichen ins Abstrakte gefahren, Strategien, die man auch aus der Musik kennt, womit eine Brücke zwischen den Künsten geschlagen wäre.

So weit, so bild- und objekthaft und so strukturell. Was SEX aber im Kern umtreibt, ist grundsätzlicher und bei aller praktischer Betriebsamkeit im Galerie-Plattenladen wohl konzeptuell zu nennen. Eine Unternehmung aus dem Nicht-Bildnerisch-Künstlerischen in einen Kunstraum zu übertragen oder einen alltagswirklichen und -funktionierenden Betrieb an künstlerischer Haltung und Organisation zu verankern, das ist der Ansatz, den Annelie Käsmayr schon in anderen Projekten verfolgt hat.

Mit ihrem „Hotel“ oder dem Restaurant „Dreijahre“ betrieb die Mitbegründerin des „Dilettantin Produktionsbüros“ den Zusammenschluss von Kunst und Leben besonders konsequent. Im Fall des Lokals im Viertel, das gerade dem temporären Ansatz entsprechend geschlossen hat, lässt sich „die Kunst“ hinter dem Gaststättengewerbliche nun schwer ausmachen.

Auch zwischen den Plattentürmen, vor den Covertafeln und dem Monitor, auf dem man aus murmelnder, rauschender Klangschichtung seine Lieblingsscheibe auswählen und klanglich freistellen kann, könnte sich der Besucher fast wie im normalen Plattenladen fühlen. Allerdings gehören derlei Shops nicht mehr zur Realität, und dem Kunstraum käme so etwas wie Nischen- und Bewahrungsfunktion zu.

Außerdem stiftet der Galerie-Recordshop nicht nur zum Stöbern und Kaufen an – was Bilderkabinette ja im besten Fall auch beabsichtigen – „sex®shop“ versteht sich als Kommunikationsplattform für Vinyl-Junkies. Internet-Café und Blog ergänzen das analoge Plaudern und den handgreiflichen Musikkonsum. Unter sexrecordshop.blogspot.com gibt‘s mehr. Man kann aber auch hingehen: Buntentorsteinweg 112.

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