Nur nicht arbeitslos werden: Theater Bremen bringt Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ auf die Bühne

Vielleicht taugt diese Welt nicht

Schrumpfen unter der Mühle: Der kleine Mann (Peter Fasching) wird immer kleiner. ·
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Schrumpfen unter der Mühle: Der kleine Mann (Peter Fasching) wird immer kleiner. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Rund ein halbes Jahr vor der Entbindung, wenn sich die werdenden Eltern zum ersten Mal froh gelaunt ganz konkret ihren künftigen Alltag ausmalen mit Einkommen, Ausgaben und allem drum und dran, drängt sich eine dumpfe Ahnung auf: Das könnte eng werden zum Monatsende. Und nicht selten schließt sich dem Erkenntnisblitz eine Frage an: Wie machen das denn die anderen?

Hans Fallada lässt seinen Romanhelden Johannes Pinneberg an dieser Frage verzweifeln, jenen jungen Angestellten, der in „Kleiner Mann – was nun?“ so mühsam um seine Existenz kämpfen muss. In Bremen ist der Klassiker nun unter der Regie von Klaus Schumacher als Bühnenstück zu erleben, am Donnerstagabend hatte die Produktion Premiere.

Als sich Johannes Pinneberg (Peter Fasching) darin erstmals die Frage nach dem Leben der anderen stellt, ahnt er noch nicht, welches Ungetüm hinter dem geschlossenen Bühnenvorhang auf ihn wartet. Es war bis dahin ein beschauliches Leben gewesen, das er mit seiner Verlobten Emma, dem „Lämmchen“ (Annemaaike Bakker), geführt hat. Ein Dasein in Abwandlung eines anderen Fallada-Romans: „Jeder lebt für sich allein.“

Doch jetzt lebt einer für drei. Denn zuhause warten Frau und Kind, die Schwiegereltern fragen bohrend nach seinem Einkommen. Und was wird sein Chef sagen, wenn er erfährt, dass der Angestellte Pinneberg nun vergeben ist? Hatte er nicht immer versucht, ihn mit seiner eigenen Tochter zu  verkuppeln?

Es lässt sich schwerlich frohgemut zur Arbeit gehen unter diesem Berg an Hoffnungen und Erwartungen. Und so zeigt sich der künftige Alltag des Johannes Pinneberg als wahre Tretmühle. Ein riesiges Schaufelrad füllt die Bühne in ganzer Breite aus, wer von hinten nach vorne will oder zurück, muss sich jedesmal von diesem Monster in die Mangel nehmen lassen (Bühne: Katrin Plötzky). Und immer, wenn Pinneberg darin eine Runde gedreht hat, auf dem Weg zum Chef, zur Frau, zum Kind, sieht er aus, als sei er ein paar Zentimeter kleiner geworden. Man kann ihm förmlich zusehen beim Schrumpfen unter der Angst.

Dabei ist es durchaus möglich, ganz unbeschadet durch diese Mühle zu gehen. Sein Kollege Kube (Siegfried W. Maschek) zum Beispiel beharrt selbstbewusst auf seine tariflich geregelte Mittagspause, obwohl das der Chef doch gar nicht gerne sieht. Und auch Lämmchen daheim will so gar nichts von ihrem Lebensmut verlieren. Während ihr ängstlicher Mann, der mehr und mehr zum Männchen wird, zitternd sein Mantra „Nur nicht arbeitslos werden“ murmelt, übt sie sich in Optimismus: „Warum sollte es uns schlecht gehen? Das hat doch überhaupt keinen Sinn!“ Und fordert ihn auf, Widerstand zu leisten gegen die Demütigungen seines Chefs, Solidarität zu organisieren unter seinen Kollegen.

Nach eigener Aussage sieht Schumacher in diesem Ausbund der Zuversicht eine Märchenfigur: ein gütiges Wesen, das jedenfalls als duldsamer Begleiter eines so furchtsamen Menschen wie Pinneberg in der Wirklichkeit wohl kaum vorstellbar ist. Er lässt sie deshalb mitunter einem Schutzengel gleich hinter ihrem Ehemann wandeln oder als Himmelsgeschöpf aus dem Oberrang singen.

Die Wahrheit ist, dass sich leicht mutige Widerrede einfordern lässt, solange man selbst nicht unter dem Druck der Leistungserwartungen steht. Das gilt für Lämmchen, das gilt in gleichem Maße für selbstbewusste Kollegen wie Joachim Heilbutt (ebenfalls Siegfried W. Maschek). Zwar ist dem aufsässigen Angestellten der Handel mit Nacktbildern zum Verhängnis geworden. Das macht aber fast gar nichts: Heilbutt versteht die Kündigung als Wink des Schicksals und macht sich kurzerhand als Händler für Aktfotografien selbstständig. Der mittlerweile selbst entlassene Pinneberg staunt über diese souveräne Art der Karriererettung. Dass Heilbutt von Beginn an für niemand anderen einzustehen hatte als sich selbst, bedenkt er dabei nicht.

So irrt dieses verzagte Männchen durch eine seltsam zynische Welt. Eine Welt, die ihm zwar zahlreiche Beispiele gelungener Leben vor Augen führt: eine Mutter (Betty Freudenberg), die sich nicht um die Meinung anderer Leute schert, oder einen Stiefvater (Guido Gallmann), der einfach nur sein Dasein genießt. Doch all diese Beispiele taugen nur für eine Existenz ohne Verantwortung für andere. Für eine Mutter, die nichts daran findet, ihrem eigenen Sohn eine hohe Miete abzuknöpfen. Und für einen Stiefvater, der sich nicht davor scheut, die Frau seines Sohnes anzugraben.

So mag Schumachers Produktion an ihrer Oberfläche als Ermutigung zu Solidarität und Widerstand erscheinen. Eigentlich aber handelt es sich um eine Tragödie über das Scheitern an der Verantwortung.

Es ist eine große Tragödie geworden, weil ihr ein sowohl in sinnlicher als auch in intellektueller Dimension großartiges Bühnenbild verordnet worden ist. Und weil Schumacher darin Dialoge kreiert, die tonnenschwere Materie in federleichter Ironie verhandeln. Nicht zuletzt changiert diese Inszenierung raffiniert zwischen dramatischen und epischen Perspektiven.

Vor allem aber handelt es sich einmal mehr um große Schauspielkunst. Mit einem Peter Fasching, der in seiner Figur eindrucksvoll die bedrohliche Kraft der Krankheit Angst entfaltet. Wie ein Krebsgeschwür frisst sie sich in dieses Gemüt hinein, bis außer ihr selbst – Angst essen Seele auf – nichts mehr übrig scheint. Annemaaike Bakker entwickelt Lämmchens forschen Charakter wunderbar aus ihrer Proletarierherkunft heraus: Weil ihr Armut vertraut ist, begreift sie, wie man ihr begegnen muss. Beeindruckend ist Betty Freudenbergs ausdifferenzierte Interpretation der Mutter Pinnebergs, ebenso Martin Baums arrogant polternder Unternehmer Emil Kleinholz, in dem doch immer auch die Unsicherheit über das Schicksal seiner Tochter mitschwingt.

„Vielleicht“, murmelt Pinneberg irgendwann: „Vielleicht tauge ich auch einfach nur nicht.“ Vielleicht ist es auch diese Welt, die nicht taugt.

Kommende Vorstellungen: am 3., 13., 19. und 22. März jeweils um 19.30 Uhr sowie am 4. März um 11 Uhr im Theater am Goetheplatz, Bremen.

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