Moral und Trieb als Grunddilemma einer Dichterexistenz: Hermann Kurzke legt eine großartige Biografie über Georg Büchner vor

Wie viel Blut darf Gerechtigkeit kosten?

Kreiszeitung Syke
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Syke - Von Johannes Bruggaier. Man mag von Genie nicht mehr sprechen in einer Gesellschaft, die Balltreter zu Künstlern stilisiert und jeden besseren Radiohit umstandlos als „genial“ feiert.

Insofern gibt Hermann Kurzke zu manchen Befürchtungen Anlass, wenn er seine Biografie über den großen Dramatiker Georg Büchner mit dem Untertitel „Geschichte eines Genies“ versieht (erschienen im C. H. Beck Verlag). Das klingt, als solle dieser so schwer greifbare, facettenreiche Autor zu einem markttauglichen „Dichterfürsten“ aufgeblasen werden.

Doch das „G-Wort“ ist bei Kurzke mehr als bloßes Etikett. Es ist Kulminationspunkt eines logischen Problems: der Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein mit 23 Jahren verstorbener Dichter Werke hinterlassen konnte wie „Dantons Tod“, „Leonce und Lena“ oder das Fragment gebliebene Drama „Woyzeck“. Werke, die an das Fundament unserer Existenz rühren, geschrieben von einem gerade einmal der Jugend entwachsenen Medizinstudenten.

Der Biograf sucht nach Erklärungen für das Unerklärbare. Nach dem Moment der Entwurzelung, der diesem Phänomen zwingend zugrunde liegen muss: Denn „ein Mensch, der im Einklang mit seiner Umwelt lebt, schreibt nicht oder jedenfalls nicht gut.“ Was war es also, das diesen Menschen so früh in seinem Leben aus der Bahn geworfen hat?

Die Faktenlage ist dünn, doch Kurzke saugt jeden noch so kleinen Hinweis auf: von Zeitschriftenabonnements im Elternhaus (als mögliche Quellen für „Dantons Tod“) bis zu Gedenkschriften auf Persönlichkeiten, die in ihrem politischen Leben einmal an Büchners Seite gestanden haben. Die Politik ist es auch, die sich als entscheidende Erfahrung für dieses kurze Leben erweist, als Weiche, die für jenen Moment der Entwurzelung sorgt. Im Kampf gegen die Obrigkeit im Großherzogtum Hessen entsteht der „Hessische Landbote“, jene Flugschrift, die den Palästen „Krieg“ androht und die Landbevölkerung zum Widerstand auffordert. Es ist ein rhetorisch brillantes, doch in seiner Substanz fragwürdiges Blatt: Was an die Stelle des Herzogtums treten soll, ist unklar, die Kritik an der Steuererhebung polemisch.

Gerade in diesem Kontrast von hitziger Streitschrift und lebensklugem Drama zeigt sich der Bruch. Büchner, der erleben muss, wie Mitstreiter inhaftiert und gefoltert werden, der seinerseits Hals über Kopf ins Ausland zu seiner Verlobten nach Straßburg flieht, steht vor der Frage nach dem Ziel seines Handelns.

Das Schuldbewusstsein angesichts der eigenen Unversehrtheit verstärkt sich mit jeder Nachricht über die Haftbedinungen der gefassten Freunde. Derweil zeigt sich, dass die Bereitschaft zum Widerstand in der Bevölkerung keineswegs so ausgeprägt ist wie von ihm angenommen. Wie viel Blut darf Gerechtigkeit kosten? Wieviel Ungerechtigkeit muss man hinnehmen? Wann wird eine Revolution zum Tugendwahn?

Indem Kurzke diese Fragen als Kernsubstanz des Dramas „Dantons Tod“ kennzeichnet, markiert er zugleich den Widerpruch von Moral und Trieb als Grunddilemma einer Dichterexistenz. Bei Büchner zeigt sich dieses Dilemma nicht allein in seinem politischen Handeln, sondern auch in seiner familiären Prägung und – hier wagt sich der Biograf auf spekulatives Terrain – in seiner Liebe, die offiziell der Verlobten in Straßburg gilt, heimlich aber einer ominösen „Fille perdue“, worauf ein knapper Tagebucheintrag seines Freundes Alexis Muston hinweist.

Wer sich Büchner auf diesem steinigen Weg annähert, der lernt weder den frühen Sozialisten noch den Nationalisten kennen, stattdesssen einen Geist, der in den politischen Revolutionen (Französische Revolution) und mentalen Evolutionen (Aufklärung) seiner Zeit tragische Widersprüche erkannte. Das ist eine unbequeme, aber weitaus überzeugendere Lesart als jene, die offenbar heute noch an diversen Schulen gelehrt wird. Man muss dem Autor für seine erhellenden Hinweise auf aktuelle Lehrbücher für die Oberstufe dankbar sein: weil sich darin ein Büchner-Bild offenbart, wie es in seiner Naivität erschreckender nicht sein könnte („…hatte ein soziales Gewissen“).

In Wahrheit lässt sich Georg Büchners Werk auch nach annähernd zwei Jahrhunderten Rezeptionsgeschichte nicht auf ein Schlagwort hin dekodieren. Vielmehr bleibt es in seinem unfassbaren poetischen Reichtum ein Mysterium. Mit seiner hervorragend erzählten und klug konzipierten Biografie gibt Kurzke aber den Blick aus einer neuen Perspektive frei: eine Büchner-Lektüre, die das Widersprüchliche akzeptiert statt es einzuebnen. Der Klassiker lässt sich dadurch vielleicht nicht leichter verdauen. Er hat aber einen höheren Nährwert.

Hermann Kurzke: „Georg Büchner – Geschichte eines Genies“, Verlag C. H. Beck: München 2013. 591 Seiten; 29,95 Euro.

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