Wie viel Autonomie bleibt uns noch, wenn die Wirtschaft uns sogar das Kinderkriegen und Sporttreiben diktiert?

Selbst handeln in Zeiten von Apple und Facebook

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Mediengruppe Kreiszeitung

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Wer dieser Tage im Internet Debatten um die Flüchtlingsproblematik verfolgt, muss den Eindruck gewinnen, eine Mehrheit der Bevölkerung klatsche den rechten Gewalttätern von Freital und Heidenau Beifall. Die Wahrheit ist, dass Meinungsbilder im Netz mit der Wirklichkeit nicht viel gemein haben. Man redet nicht gerne allein gegen die geballte Macht eines brauen Mobs an, und weil jeder so denkt, entsteht jener Effekt, den die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann einmal als „Schweigespirale“ beschrieben hat: Je exklusiver die eigene Meinung erscheint, desto weniger traut man sich, sie zu verkünden. Autonomie bedarf des Mutes, doch der Mensch mag es bequem. Was also ist zu tun, um autonomes Denken und Handeln zu schützen? - Von Johannes Bruggaier.

Der Philosoph Michael Pauen und der Soziologe Harald Welzer haben dieser Frage nun ein Buch gewidmet. „Autonomie – eine Verteidigung“ (S. Fischer) ist der Versuch, Erkenntnisse aus der Sozialforschung auf eine digitale Gesellschaft anzuwenden. Die Herausforderung ist gewaltig. Denn was die Wissenschaft bislang zur Autonomie des Menschen herausgefunden hat, lässt kaum auf eine Zukunft des demokratischen Diskurses hoffen.

Wesentliches Hindernis zum unabhängigen Denken und Handeln ist eine mentale Disposition, die sich der Mensch im Laufe der Evolution mit viel Fleiß erworben hat. Wer auf eigene Faust die Wasserstelle zu suchen begann, war selten erfolgreich, fündig wurde nur, wer auf andere Mitglieder seiner Gruppe hörte. So tief hat sich dieser Drang nach Konformität in unser Wesen eingeschrieben, dass selbst erklärte Freidenker in wissenschaftlichen Experimenten unvermutet vermeintlichen Mehrheitsmeinungen folgen. Erfährt ein Proband, dass sich eine relevante Anzahl von Menschen auf eine Wahrheit geeinigt haben soll, ist er ohne weiteres dazu bereit, auch in der größten mathematischen Unsinnigkeit eine logische Schlussfolgerung zu erkennen.

Weil das so ist, bemühen sich Politiker vor Wahlen, selbst maue Umfrageergebnisse zu demoskopischen Höhenflügen zu verklären: Potenzielle neue Wähler sind nur zu gewinnen, wenn sie sich mit ihrer Wahlentscheidung in einen allgemeinen Trend einfügen können. Echte Demokratie sieht eigentlich anders aus. Doch im Gegensatz zum verbreiteten Glauben ist Autonomie weniger eine Frage des Charakters als des sozialen Umfelds.

In so beeindruckender wie verstörender Klarheit zeigen die Autoren auf, wie veränderte Rahmenbedingungen brave Familienväter in Massenmörder verwandeln können. Möglich wird dies nicht zuletzt durch eine fatale Bereitschaft des Bewusstseins zur Selbsttäuschung. Von außen auferlegte Verhaltensmuster erscheinen dem Handelnden als das Ergebnis seines eigenen freien Entschlusses. Das wiederum wirkt sich verhängnisvoll aus in einer Gesellschaft, deren Normen und Werte mehr und mehr von Unternehmen aus der IT-Branche beeinflusst werden. Überzeugend legen Pauen und Welzer dar, wie sich hinter scheinbar freiwilligen Angeboten wie dem viel diskutierte „social freezing“ (also dem Einfrieren von Eizellen im Dienste der Karriereplanung) oder der digitalen Selbstkontrolle von Krankenversicherten zur Senkung ihrer Beitragskosten Umwertungsstrategien verstecken, denen sich mittelfristig kein Bürger entziehen kann. Schuld an hohen Kassenbeiträgen ist schon bald nicht mehr das System, sondern der Versicherte, der zu wenig Sport treibt.

Wie weit diese digitale Gehirnwäsche bereits gediehen ist, lässt sich an der jüngsten Debatte um die gehackten Daten einer Fremdgeh-Agentur beobachten. Die Täter – die Hacker einerseits, das Onlineunternehmen mit seinen falschen Datenschutzversprechungen andererseits – mussten sich weniger Kritik gefallen lassen als die geneppten Kunden, die es gewagt haben, ihren zutiefst privaten Bedürfnissen nachzugehen. Und tatsächlich haben sich erste prominente Opfer pflichtschuldigst sogleich selbst ihrer „Täterschaft“ bezichtigt, statt öffentlich Hacker und Unternehmen anzuklagen.

Wie also umgehen mit diesen Besorgnis erregenden Tendenzen? Pauen und Welzer geben ihrem Leser einen elf Punkte umfassenden Fahrplan an die Hand. Vieles davon ist nicht neu, zeigt sich aber vor dem Hintergrund der gewonnenen Einsichten in einer anderen Dringlichkeit. Soziale Netzwerke sind in der Tat keine sozialen Netzwerke sondern „Produktionsstätten von informationeller Macht über Sie“. Politiker, die mehr Sicherheit auf Kosten von Freiheit versprechen sind „entweder schlecht informiert oder böswillig“. Und ein behaupteter Vorteil von technischen Innovationen erweist sich nur noch in den seltensten Fällen als wirklicher Vorteil für den Kunden – fast immer liegt dieser ausschließlich bei dem Unternehmen.

Wir sollen deshalb populistischen Politikern die Stimmen entziehen, aufdringlichen Unternehmen unsere Daten verweigern und „digitale Askese“ üben, „wo immer es geht“. Gelingt es uns damit, unsere Autonomie zumindest in Bruchteilen vor ihrer Auflösung zu bewahren, steht uns ohnehin die größte Herausforderung noch bevor: Mit ihr verantwortlich umzugehen.

Michael Pauen, Harald Welzer: „Autonomie – eine Verteidigung“, S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2015; 336 Seiten, 19,99 Euro.

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