„Verzehrt (Consumed)“: Am Theater Bremen schlägt die Stunde der Kannibalen

Einladung zum Speedlite-Dinner

Zum Anbeißen schön: Naomi (Annemaaike Bakker) hat es Arosteguy (Siegfried W. Maschek) angetan.
+
Zum Anbeißen schön: Naomi (Annemaaike Bakker) hat es Arosteguy (Siegfried W. Maschek) angetan.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Zwei Jahre ist es her, da durfte sich das Schauspielensemble des Bremer Theaters einmal so richtig satt essen. Öffentlich.

Das Stück hieß „Schimmernder Dunst über Cobycounty“, eine wunderbar ironische Romanadaption, die eindrucksvoll den kulinarischen Konsumwahnsinn der Hipster-Generation zum Ausdruck brachte. Am Donnerstagabend bringt der Regisseur von damals, Felix Rothenhäusler, in „Verzehrt (Consumed)“ von David Cronenberg erneut einen Roman unserer Zeit auf die Bühne.

Wieder geht es um Konsumgewohnheiten einer urbanen Mittelschicht, diesmal allerdings nicht um Pizza Rucola, Caipirinha und Latte Macchiato, sondern um die Lust am Gerät.

Denn eine Lust ist es, was uns die kunststoffglatten Mobiltelefone mit ihren kristallklaren Bildschirmen gewähren. Die Maschine, in der Romantik bei E.T.A. Hoffmann noch das Schreckgespenst, hat sich längst in einen Götzen verwandelt: So perfekt wie der Apparat versuchen auch wir Menschen zu sein, an ihrem makellosen Aussehen nehmen wir uns ein Beispiel, erklären das Bruchlose, Glatte, niemals Alternde zum Schönheitsideal.

Im Kleinen Haus des Bremer Theaters ist dieses Ideal annähernd erfüllt. Junge Typen in Designer-Klamotten schreiten ehrfurchtsvoll über einen strahlend weißen Boden aus sterilem Polyester (Bühne: Josa Marx). Derweil versetzt Musiker Matthias Krieg an Schlagzeug und E-Gitarre diese keimfreie Kunststoffwelt in sanfte Schwingungen.

„Nikon D300S“, stammelt ein Snob (Robin Sondermann) mit glasig entrücktem Blick ins Publikum: „Die Nikon D300S hat Abmessungen von 147 Millimetern Breite, 114 Millimetern Höhe und 74 Millimetern Länge. Mit Akku, Speicherkarte und Zoomobjektiv liegt sie bei 817 Gramm!“ Die Braut seines Lebens, er hat sie gefunden. Ein Traum von Körpermaßen und Gewicht, das Material gewordene Objekt seiner kühnsten erotischen Fantasien.

Er wird sie nie verlassen, nicht Nathan, der Fotoreporter mit Faible für Themen der Medizin. Wohin er auch geht, ob ins Krankenhaus zu den mit exotischen Krankheiten geschlagenen Patienten oder zu Doktor Roiphe (Matthieu Svetchine), nach dem eine lebensbedrohliche Geschlechtskrankheit benannt worden ist: Die Nikon D300S ist immer dabei.

Seine Freundin Naomi dagegen (Annemaaike Bakker) geht allenfalls als freundschaftliche Gefährtin durch. Ein Treffen am Flughafen hier, eine Nacht im Hotel dort: Dann geht es für die beiden auch schon weiter durch ihr aufregendes Leben mit den perfekten Apparaten und zerstörten, kranken, zerhackten Menschen.

Denn darin besteht die geheime Obsession des Bewohners einer durch und durch hygienischen Welt. Wo der Alltag glatt und rund wie ein Kieselstein wird, erregt sich der Geist am Anblick eines schroffen Felsens. Nathan stillt seine sexuellen Bedürfnisse an der todgeweihten Krebspatientin Dunja (Nadine Geyersbach) – „fühlst du die Lymphknoten? Wie hart die sind?“ –, derweil lechzt Naomi nach einem Treffen mit dem Philosophen Arosteguy (Siegfried W. Maschek), der unter Kannibalismus-Verdacht steht.

Hier die Perfektion des Konsums, dort das Faszinosum des Verfalls: Es ließe sich so wunderbar leben zwischen diesen beiden Wirklichkeiten, verspräche der Konsum nur irgendeine Form der Befriedigung. Doch die Braut aus Kunststoff ist ein teuflisches Wesen, wer sich ihr ergibt, will mehr und immer mehr. Bis in die letzte Pore vermag die Kamera ihre Objekte zu erkunden, wer einmal durch das „Zoomobjektiv“ auf die „Speicherkarte“ gelangt, der hat auch das letzte Geheimnis seiner Erscheinung preisgegeben. „Ich muss näher ran!“, brüllt Nathan mit seiner (auf der Bühne unsichtbaren) Kamera in der Hand: „Wie komm‘ ich da bloß näher ran?“

Wenn der Verfall die dunkle Versuchung zur hellen Realität des Konsums ist, dann kommt hier „näher ran“ nur, wer sich selbst zu opfern bereit ist. Nathan fängt sich beim Sex die Roiphe-Krankheit ein, Naomi lässt sich schließlich genussvoll von ihrem Kannibalen verstümmeln – freilich erst, nachdem dieser ihre „kabellosen Speedlite Blitzgeräte“ bewundert hat.

Als Nathan schließlich, mitsamt seiner Nikon in eine rosa ausgeleuchtete, mit psychedelischer Musik erfüllte Parallelwelt entschwebt, erklärt ihm dort die Tochter (Carola Marschhausen) des mysteriösen Doktor Roiphe, wo eigentlich zwischen diesen beiden Welten noch Platz für Kunst ist: nämlich nirgends. „Bedeutung ist ein Konsumartikel“, quakt die kleine Göre, und es spricht einiges dafür, dass sie damit ganz richtig liegt.

Denn in der offenbarten Ambivalenz von Gerätefetischismus einerseits und körperlicher Zerstörungslust andererseits zeigt sich eine für das digitale Zeitalter charakteristische Verschiebung von Wahrnehmungen und Bedürfnissen. Es ist die totale Ästhetisierung des Alltags, die Herrschaft des Designs über unser Leben. Und gleichzeitig der allgegenwärtige Hunger nach Darstellungen von körperlicher Gewalt, nicht zuletzt im Internet.

„Verzehrt“ mutet vor diesem Hintergrund wie eine Neuerzählung, vielleicht auch wie eine Vertiefung der „Cobycounty“-Produktion an. Glücklich verläuft sie vor allem dort, wo Rothenhäusler seinen Figuren Widersprüchlichkeit und Unsicherheit gönnt. Annemaaike Bakker etwa lässt Naomi durchaus an ihrem Handeln zweifeln. Großartig ist auch Nadine Geyersbachs leise, aber beharrlich Anerkennung und Liebe einfordernde Krebspatientin Dunja. Einen solch ausdifferenzierten Charakter hätte man sich auch bei Nathan gewünscht, den Sondermann als allzu einfältigen Hipster interpretiert.

Was aus dem Kannibalen wird, bleibt offen an diesem Abend. Für künftige Freunde der menschlichen Verhackstückung aber hat die Tochter des Doktor Roiphe eine ganz schmerzfreie Lösung parat: ein schicker, perfekt designter 3-D-Drucker. Der liefert die Körperteile steril und zuverlässig.

Kommende Vorstellungen: morgen und am 27. September, jeweils um 18.30 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Bob- und Rodelbahn am Königssee schwer beschädigt

Meistgelesene Artikel

Netflix im Juli 2021: Die Film-Highlights und Serien-Höhepunkte im Sommer

Netflix im Juli 2021: Die Film-Highlights und Serien-Höhepunkte im Sommer

Netflix im Juli 2021: Die Film-Highlights und Serien-Höhepunkte im Sommer
Keine Schönheit ohne Zerfall

Keine Schönheit ohne Zerfall

Keine Schönheit ohne Zerfall

Kommentare