Manfred Loimeier untersucht „Literaturen aus Afrika“

Verwoben mit der Welt

Syke - Von Rolf Stein. Der äthiopische Musiker Mikael Seifu hat in einem Interview gesagt, er glaube „fest daran, dass die Berichterstattung über afrikanische Musik gebürtigen Afrikanern überlassen werden sollte“. Was nicht einfach nur eine provokant zugespitzte These war. Ein Kunstwerk, das gilt im Besonderen für Erzeugnisse der Pop-Kultur, ist untrennbar von seinen Entstehungsbedingungen zu verstehen – von denen wir meist wenig verstehen.

Wie sehr westliches Denken über Afrika von europäischen Vorstellungen geformt wird, hat der Schriftsteller Binyavanga Wainaina in einem Aufsatz aufgespießt, den die „Süddeutsche Zeitung“ im Januar 2006 veröffentlichte: „Behandeln Sie Afrika als ein einziges Land. Es ist heiß und staubig mit sanft geschwungenem Weideland und riesigen Tierherden und großen dünnen Menschen, die hungern.“ Und: „Veranschaulichen Sie, dass Musik und Rhythmus tief in der afrikanischen Seele wohnen.“

Es versteht sich, dass Manfred Loimeier, der diese Sätze aus Wainainas Aufsatz in seinem Buch „Literaturen aus Afrika“ zitiert, diesen Klischees etwas entgegensetzen will. Loimeier ist Professor für afrikanische Literaturen in englischer Sprache an der Universität Heidelberg, Übersetzer und Herausgeber südafrikanischer Kurzgeschichten sowie Autor einer Reihe Bücher, die sich mit Afrika befassen. Und schon haben wir ihn wieder, diesen Kontinent, der als Chiffre für diffuse Ängste ebenso steht wie für romantische Projektionen – und einiges dazwischen. Dabei ist noch dieser Titel verkürzt: „Niemand käme auf die Idee, die Literaturen Europas, Asiens oder beider Amerikas zusammenfassen zu wollen.“, schreibt Loimeier gleich zu Beginn.

Da es also weder eine kontinentale Literatur gibt, wegen der weitestgehend aus der Kolonialzeit stammenden Grenzziehungen aber auch das Konzept einer nationalen Literatur nicht greift, hat sich Loimeier gleichsam für Probebohrungen in die Tiefe begeben. Zwei Romane untersucht er, Fatou Diomes „Der Bauch des Ozeans“ und NoViolet Bulaways „Wir brauchen neue Namen“. Zuvor skizziert er einen Kontext von der Kolonialgeschichte bis zu Aspekten des Verlagswesens. Um im zweiten Teil die Romane, denen er sich zum einen literaturwissenschaftlich nähert, zum anderen im Gespräch mit den Autorinnen, zu verorten. Das mag nach einer drögen wissenschaftlichen Arbeit klingen, ist aber tatsächlich anregende Lektüre.

Ein wichtiger Aspekt: Die Vielsprachigkeit vieler afrikanischer Autoren, die oft mindestens eine koloniale Sprache sprechen, dazu eine afrikanische Verkehrssprache wie Suaheli und meist noch eine weitere regionale, oft erste Sprache. Über die Geschichte, aber auch durch neuere Migrationsbewegungen sind zudem vor allem die jungen Schriftsteller aus Afrika mit dem Rest der Welt verwoben. Das versetzt sie auch in die Position uns einen Spiegel vorzuhalten, selbst wenn das nicht ihre dringlichste Motivation sein mag. Gerade in ihrer Verwobenheit mit der Welt können Literaturen aus Afrika zukunftsweisend sein. Gelesen haben muss man die beiden Romane nicht, um aus diesem Buch Gewinn zu ziehen. Aber man bekommt Lust darauf. Damit beweist Loimeier, dass es zumindest für uns Europäer fruchtbar sein kann, über Literaturen aus Afrika zu schreiben.

Weiterlesen:

Manfred Loimeier: „Literaturen aus Afrika“, 19,90 Euro, Brandes & Apsel.

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