Festkonzert im Bremer Dom zum hundertsten Geburtstag der Organistin Käte van Tricht

„Vertrauen Sie Ihren Ohren!“

Musikalisches Allround-Genie: Käte van Tricht

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze(Eig. Ber.) · Wenn man in Bremen den Namen Käte van Tricht erwähnt, stößt man auf Ehrfurcht und Bewunderung, bei Insidern aber auch auf viele Stories, wie schwer es die erste Domorganistin und Konzertorganistin Deutschlands in dieser Männergesellschaft hatte.

Einundvierzig Jahre lang war sie bis 1974 Organistin am Bremer Dom, sie starb 1996. Zu ihrem hundertsten Geburtstag richtet der Bremer Dom in Kooperation mit der Hochschule für Künste heute ein Festkonzert aus, das viele Aspekte der unvergessenen Persönlichkeit van Trichts herausstellt.

Wir sprachen mit der künstlerisch-wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Hochschule, der Organistin Karin Gastell, die ein wichtiger Motor im Konzept war, und mit Domorganist Wolfgang Baumgratz, der im Konzert Johann Sebastian Bachs große Passacaglia in c-Moll spielt.

?Wie kam es zu der Idee für das Konzert?

!Karin Gastell: Es ist der HfK Bremen ein besonderes Anliegen, diese bedeutende Bremer Musikerin angemessen zu würdigen, die zu den ganz Großen der Orgelwelt gehört. Käte van Tricht war ein Allround-Genie: Eine ebenso gute Cembalistin wie Pianistin, als Solistin, Kammermusikerin und Begleiterin gefragt. Sie hatte auch eine professionelle Ausbildung als Sängerin und war im Lied wie im Oratorium zuhause. Das alles war gepaart mit einer tiefen Liebe zum Tanz und zum Theater, was für eine Kirchenmusikerin höchst ungewöhnlich ist. Und: Käte van Tricht konnte Laien und Fachleute gleichermaßen für Orgelmusik begeistern!

?Gibt es schon eine Dokumentation über Käte van Trichts Leben?

!Bislang liegt noch keine ausführliche Arbeit über diese Pionierin der Orgelmusik von Frauen vor. Um ein vielfarbiges Porträt zu zeichnen, kommen im Festkonzert Kollegen und Freunde zu Wort. Die Konzeption dafür wurde in enger Zusammenarbeit mit den beiden Dommusikern Wolfgang Baumgratz und Tobias Gravenhorst und den beiden Historikerinnen Birgit Kiupel und Elisabeth Dickmann entwickelt.

Wolfgang Baumgratz: Zu Käte van Tricht hatten wir nachfolgenden Dom-Musiker eine sehr gute und freundschaftliche Beziehung. Meine Vorvorgängerin hat insgesamt fast sieben Jahrzehnte an der Sauer-Orgel musiziert. Viele Domchorsänger fühlen sich mit ihr noch heute verbunden.

?Karin, du bist Jahrgang 67. Was bedeutet dir als Musikerin Käte van Tricht, die ja weder in der historischen Aufführungspraxis noch in der der Neuen Musik zuhause war.

!Ich habe Käte van Tricht als junge Studentin kennen gelernt – das Orgelspiel im romantischen Stil war zu dieser Zeit vollkommen unmodern. Aus diesem Grund wurde sie von fast allen Studenten ignoriert. Käte van Trichts ausdrückliche Botschaft damals war, dass das Regelwerk einer Schule niemals wichtiger sein darf als die eigene musikalische Entscheidung des Interpreten. Sie lautete in erster Linie: „Vertrauen Sie vor allem Ihren eigenen Ohren.“

?Herr Baumgratz, große Interpreten stehen ja immer für eine bestimmte Haltung und/oder einen bestimmten Stil. Für was steht Käte van Tricht?

!Das ist schwierig zu beantworten, weil sie so vielschichtig und sehr komplex war. Nach der postromantischen Orgeltradition spielte sie an der Sauerorgel, die während der Orgelbewegung in den dreißiger Jahren umgebaut worden war: Alle romantischen Elemente wurden eliminiert und durch helle und scharfe Register ersetzt. Käte van Tricht hat die Restaurierung dieses Instrumentes mitgetragen, deren Abschluss aber nicht mehr erlebt. An der Bach-Orgel hat sie ganz anders gespielt, war hellwach gegenüber Neuem. Die jetzige Würdigung ist mir sehr wichtig, weil Käte van Tricht jahrzehntelang an den Rand gedrängt wurde und unter den patriarchalischen Verhältnissen am Dom und in der Kirchenmusik sehr gelitten hat. Es ist fast ein Wunder, dass sie ihre Position halten konnte.

?Im Konzert spielt Baumgratz Bach, van Trichts Nachfolger Zsigmond Szathmáry Liszt, Karin Gastell Elisabeth Jacquet de la Guerre, Gravenhorst leitet den Domchor und der ebenfalls unvergessene Claus Ocker singt. Was ist das Konzept?

!Baumgratz: Käte hatte immer einen intensiven Kontakt zum Chor. Also war klar, auch der Chor wird auftreten. - Und Bach und Liszt gehörten zu ihren Schwerpunkten ...

Karin Gastell: Jacquet de la Guerre gilt als erste Orgelvirtuosin des französischen Barock. Sie war gleichfalls eine Ausnahmemusikerin, die bereits als Wunderkind Furore gemacht hat. Ein wichtiges Vorbild für uns nachfolgende Organistinnen!

?Herr Baumgratz, sie spielen Bachs Passacaglia „à la Käte“. Was heißt das?

!Sie hat es in der romantischen Aufführungspraxis gespielt, in einer einzigen großen Steigerung von ganz leise bis zu Fortissimo. So mache ich es heute auch.

Festkonzert zum 100. Geburtstag von Käte von Tricht, heute, 19 Uhr, St. Petri-Dom Bremen.

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