Stadttheater spielt Barbers „Vanessa“

Vertracktes Gefühl

Die Liebe, ein Schlachtfeld verwundeter Herzen: Judith Kuhn (v.l.), Vikrant Subramanian, Carolin Löffler, Katherine Marriot und im Hintergrund der Opernchor. - Foto: Heiko Sandelmann
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Die Liebe, ein Schlachtfeld verwundeter Herzen: Judith Kuhn (v.l.), Vikrant Subramanian, Carolin Löffler, Katherine Marriot und im Hintergrund der Opernchor.

Bremerhaven - Von Rolf Stein. „Vanessa“ von Samuel Barber, nach einem Libretto von Gian Carlo Menotti und 1958 an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt, erzählt eine scheinbar angestaubte Geschichte, die auf den zweiten Blick dann aber doch recht zeitlos ist.

Die titelgebende Vanessa wartet seit 20 Jahren auf ihren Anatol, den sie einst geliebt und der spurlos verschwand. Weil sie das Vergehen der Zeit und das damit einhergehende Altern nicht ertragen kann, verhängt sie im Haus alle Spiegel. Als dann eines Tages ein Anatol erscheint, der dem Verschwundenen auch äußerlich zum Verwechseln ähnelt, erwacht sie zu neuem Leben.

Allerdings ist da noch die Nichte Erika, auf die der „neue“ Anatol, ein Sohn des Ersehnten, ein Auge geworfen hat. Sie verbringen eine Nacht miteinander, aber seinen Heiratsantrag weist sie zurück. Woraufhin Anatol sich wieder Vanessa zuwendet, die von seinem Erika-Abenteuer, das zudem nicht ohne Folgen bleibt, ahnen mag, es aber nicht genau wissen will. Die beiden heiraten, während sich Erika verbittert zurückzieht – und im Hause alle Spiegel verhängt.

Ulrich Mokrusch, Intendant des Bremerhavener Stadttheaters, hat das Werk nun die Bühne des großen Hauses gebracht. Das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter, die auch die Kostüme besorgten, führt uns mittenmang in eine Winterlandschaft mit Salon, gleichermaßen das Spiegelbild von Vanessas vergletschertem Seelenleben. 

In der Mitte der Bühne prangt in monströsem goldenen Rahmen ein zunächst verhängter Spiegel, der im Laufe des Spiels den Blick freigibt auf das Ensemble gesellschaftlicher Umstände – und regelrecht brechtisch ein Podest einfasst, auf dem die Figuren wie ein antiker Chor das Geschehen reflektieren.

Denn die Geschichte ist vertrackt: Soll man, wie Erika, die Anatol als Hallodri erkennt, dem eigenen moralischen Kompass folgen? Oder, wie Vanessa, pragmatisch die Gelegenheit beim Schopf erfassen, auch wenn das einen Kompromiss mit der gängigen Moral bedeutet? Die Großmutter (sehr präsent: Katherine Marriot) hat sich entschieden. Missbilligend betrachtet sie überwiegend schweigend das Treiben der Jüngeren. 

Und weiß sich darin halbwegs einig mit dem Doktor, der allerdings weniger bitter als milde trauernd das Geschehen kommentiert. Filigran komödiantisch erfüllt Vikrant Subramanian diese Figur mit Leben. Judith Kuhn als Vanessa und Carolin Löffler als Erika verleihen derweil den Hauptrollen emotionale Intensität – Löffler übrigens in ihrer letzten großen Bremerhavener Partie, bevor sie nach Braunschweig wechselt. Ein Grund mehr, den Weg nach Bremerhaven auf sich zu nehmen.

Auch am Donnerstag und Sonntag sowie am 14. und 16. Juni, 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven.

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