Kind der Aufklärung und Pionier der Romantik: Am 21. November 1811 nahm sich der Dichter Heinrich von Kleist das Leben

Mit Verstand allein ist die Welt nicht zu begreifen

+
Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierDer Herr mit dem Kindergesicht sieht glücklich aus, als er bei Friederike Stimming den letzten Kaffee seines Lebens bestellt. Es ist kalt an diesem Novembertag, im fast menschenleeren Gasthaus „Stimmings Krug“ knistert der Kamin.

Bald wird hinter dem Kleinen Wannsee bei Berlin die Sonne untergehen. Der Herr und seine blasse Begleiterin möchten trotzdem draußen sitzen. Nicht auf der Terrasse, sondern direkt am Wasser. Und noch weiter: am Ufer auf der anderen Seite, ganz da hinten. Gastwirtin Stimming will so weit nicht laufen, schickt einen Aushilfskellner hinüber.

Der See ist hier so schmal, dass sich das Treiben auf dem gegenüber liegenden Strand mühelos beobachten lässt. Und so verfolgt die Wirtin vom Fenster aus, wie ihre Gäste vergnügt in ihren Tassen rühren, wie sie trinken, wie sie scherzen. Wie sie irgendwann am Ufer herumtollen. Wie Steine ins Wasser fliegen und der Herr Faxen macht. Um kurz vor vier Uhr, Frau Stimming hat dem Fenster längst den Rücken gekehrt, erschallt von drüben ein Schuss. Noch einer. Dann Stille.

Vor 200 Jahren hat Heinrich von Kleist zwei Menschen getötet. Die erste Kugel galt Henriette Vogel. Die zweite ihm selbst.

Es war kein Liebes-, sondern ein Todespaar, das sich bei Frau Stimming eingefunden hatte, angereist mit dem Vorsatz, gemeinsam Abschied zu nehmen von dieser Welt. Henriette Vogel, weil sie fürchtete, an ihrer Krebserkrankung qualvoll zugrunde zu gehen. Heinrich von Kleist, weil ihm laut Abschiedsbrief „auf Erden nicht zu helfen war“.

Wer war Heinrich von Kleist? Er war ein Autor, der für die Aufklärung zu romantisch war und für die Romantik zu aufgeklärt. Was ist die Aufklärung? Es ist die Erkenntnis, dass der Mensch ein Vernunftwesen ist. Gotthold Ephraim Lessing verhilft diese Einsicht 1779 zu „Nathan der Weise“ – einem Drama, dessen Hauptfigur allein mit Vernunft das Dilemma der drei Weltreligionen löst. Der Mensch: ein rationales Geschöpf. Seine dunkle Seite dagegen, das Triebhafte und Irrationale, zeigt sich erst rund 50 Jahre später in der Romantik. Dichter wie Eichendorff oder Heine sind es dann, die den Menschen vergeblich lieben und umsonst irren lassen, die dem Verstand das Gefühl entgegensetzen. Der Doppelmord vom Wannsee liegt da schon lange zurück.

Heinrich von Kleist ist zwischen diese Epochen gefallen: ein Aufklärer, der die Romantik vorausahnt. Aufgewachsen als Spross einer Adelsfamilie in Frankfurt/Oder, tritt er mit 15 Jahren in den Militärdienst ein. Kämpft gegen Frankreich, steigt zum Leutnant auf. Als er schließlich den Degen hinwirft und seinen Austritt aus der Armee verkündet, um ein Physikstudium aufzunehmen, ist das ein Akt der Aufklärung: der Wille zur Erkenntnis, zum Begreifen der Welt und ihrer Konflikte.

Und dann das: Ein einziges Buch, so geht die Legende, habe den Bruch bewirkt. „Die Kritik der Urteilskraft“, verfasst von Immanuel Kant. Kleist hat es wahrscheinlich nicht einmal vollständig gelesen – wer hat das schon. Ihm genügt die Botschaft, dass sich die Welt niemals begreifen ließe, weil der Mensch für wahre Erkenntnisse nicht ausgestattet ist. Oder, wie Kleist an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge schreibt: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün.“

Dass dem Dichter „auf Erden nicht zu helfen war“, hat viel mit dieser „Kant-Krise“ zu tun: mit der vergeblichen Suche nach Wahrheit und dem Scheitern an der Vernunft. Mit der Einsicht, dass der Siegeszug der Aufklärung die Menschheit in die Irre führt.

Kleist glaubt nicht mehr an die Allmacht der Vernunft und liefert in seiner Novelle „Das Erdbeben in Chili“ den Gegenbeweis. Eine ganze Stadt lässt er darin untergehen. Unschuldig zum Tode Verurteilte entkommen ihrem Schicksal, um am Ende dennoch ihr Leben zu lassen. Eltern verlieren ihre Kinder wegen trivialer Verwechslungen. Eine ziel- und sinnlose Wirklichkeit zeigt sich hier, eine Welt, die mit dem Verstand allein nicht mehr zu begreifen ist: unsere Welt.

In einer zweiten Novelle will sich ein Mann namens Michael Kohlhaas damit nicht abfinden. Er versucht, das Chaos einer rationalen Ordnung zu unterwerfen: ein Aufklärer mit Gesetzbuch unterm Arm. Für seinen Feldzug gegen die Staatswillkür findet Kohlhaas tausend vernünftige Gründe, und doch steigert er sich hinein in einen immer absurderen Wettkampf um Recht und Wahrheit. Am Ende haben alle verloren, keiner gewonnen – bloß weil niemand den Mut fand, auf Gefühle zu hören statt aufs Argument.

Dabei wäre es mit der Absicht allein längst nicht getan. Denn Gefühle sind scheue Wesen, und kriegt man sie doch einmal zu fassen, fangen die Probleme erst an.

Die Liebe zum Beispiel: Der junge Kleist hat seine der Majorstochter Wilhelmine von Zenge zugedacht. Doch aus dem Eheglück mit Haus und Kindern soll nichts werden, weil Kleist seiner Verlobten keine materielle Absicherung bieten kann. Und dann gibt es auch noch Hinweise auf ein Körperleiden im Genitalbereich: eine Vorhautverengung vielleicht, womöglich sogar Impotenz. Während eines von Legenden umrankten Würzburg-Aufenthalts soll er sich einem medizinischen Eingriff unterzogen haben. Vom „wichtigsten Tag“ seines Lebens schwadroniert Kleist in einem Brief an seine Verlobte und verspricht, dass sie ihm bald unter „heißen, innigen Freudentränen“ mit „ganzer Seele danken“ werde. Doch es gibt keine Tränen und keinen Dank. Denn Wilhelmine heiratet einen anderen.

Der Liebeskummer des Verstoßenen fällt seltsam knapp aus. Kleist, so lautet eine Erklärung, sei in Wahrheit schwul gewesen. Und tatsächlich spricht manches dafür, dass er seine ersten sexuellen Erfahrungen als 16-jähriger Soldat gemacht hatte: mit einem Kameraden. Bei der Belagerung von Mainz will er die „üppigste Sekunde in der Minute meines Lebens“ erlebt haben. War es auch die glücklichste Sekunde? Oder handelte es sich um sexuellen Missbrauch? Seine Gefühle jedenfalls wollten fortan nicht mehr zur Idee eines geordneten, von Vernunft geleiteten Lebens passen – ganz so wie bei den Protagonisten seiner Theaterstücke.

Geradezu wahnhaft erscheint etwa die Zuneigung des „Käthchens von Heilbronn“ zum Grafen Friedrich Wetter vom Strahl: eine Stalkerin, die für ihr Idol aus dem Fenster springt, sich vor Gericht zerren lässt und in brennende Häuser rennt. Das alles, obwohl der Graf doch längst die ihm standesgemäße Kunigunde von Thurneck ehelichen will. Im klassischen Drama der Aufklärung würde sich daraus eine Studie über den Mechanismus menschlicher Beziehungen entwickeln. Kleist dagegen lässt kurzerhand das Mystische siegen. Kunigunde entpuppt sich als teuflisches Maschinenwesen, der scheinbare Wahn ihrer Nebenbuhlerin aber als wahre Liebe. Käthchen gewinnt, und Graf vom Strahl kann froh sein, dass seine vermeintliche Stalkerin unbeirrt ihrer Empfindung gefolgt ist.

Das Leben besteht eben nicht allein aus Vernunft, sondern auch aus Gefühl, nicht bloß aus Ordnung, sondern zugleich aus Chaos. Das eine widerspricht dem anderen, und doch halten diese Gegensätze uns im Gleichgewicht. Kleist erkennt das, als er in Würzburg unter dem Gewölbe eines mittelalterlichen Stadttores steht: „Warum sinkt das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen.“

Am 21. November 1811 fallen die Steine doch.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

US-Sanktionen gegen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

US-Sanktionen gegen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

Wir sind die Generation Sandwich, na und?

Wir sind die Generation Sandwich, na und?

Weihnachtsgeschenke gekonnt loswerden

Weihnachtsgeschenke gekonnt loswerden

New-York: Das bietet der Reichen-Rummel Hudson Yards

New-York: Das bietet der Reichen-Rummel Hudson Yards

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare