Hagen Quartett in der Bremer Glocke

Verrückte Fuge

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeEs gibt in der internationalen Streichquartettlandschaft einige Ensembles, die sich seit Jahrzehnten an der Spitze halten können – alle aber weisen in der Besetzung Fluktuationen auf.

Nicht so das Salzburger Hagen Quartett: Die Geschwister Lukas (1.Violine), Veronika (Viola) und Clemens Hagen (Cello) – am Anfang gab es da auch noch Annette Hagen an der zweiten Geige – spielen seit dreißig Jahren zusammen, und der seit 25 Jahren mitwirkende Rainer Schmidt wird noch immer bisweilen als der „Neue“ empfunden. Zu seinem Jubiläumsjahr spielte das Ensemble jetzt ein Kammerkonzert der Philharmonischen Gesellschaft in der Glocke, es wurde ein Festkonzert.

Man kann es kaum fassen, dass nach so langer Zeit nicht die mindesten Routineerscheinungen zu hören sind. Das allerdings wurde auch provoziert durch die großartigen Werke, die musiziert wurden. Beide – Franz Schuberts „Rosamunde“-Quartett und Ludwig van Beethovens op. 130 mit dem ursprünglichen Fugen-Finale, das Beethoven später als op. 133 herausgab – zählen zu den Spitzenwerken der Gattung. Die Hagens haben einen klassisch-perfekten Grundklang, mit dem sie sich auf eine hochsensible individuelle Reise begeben können.

Es ist bei ihnen immer wieder bewundernswert, wie sich die einzelnen Stimmen aus dem Kontinuum lösen und wieder hineinfließen. So gelang der Schubert wunderbar, ohne jede Sentimentalität das berühmte Rosamunde-Thema, und mit einem fast experimentellen Nuancenreichtum erlebte das Publikum den erregenden Gang in ein harmonisches Labyrinth, das Arnold Schönberg den „Vorläufer der Tristan-Harmonik“ genannt hat. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die Erfahrung mit zeitgenössischer Musik.

Die Perfektion der Homogenität, das subtile Aushorchen von orgelartigen Registern, die fast den Klang der konkreten Instrumente vergessen lassen, ließ auch zu, dass die Expressivität gründlich und mit aller Vitalität zum Zuge kam. Das war dann bei der Wiedergabe von Beethovens op. 130 der Fall. Friedrich Rochlitz schrieb 1828, dass Beethoven weder sich noch das Publikum geschont hat. So auch an diesem Abend in dem ungemein anstrengend Ebenso frei

wie kunstvoll

zu hörenden Quartett, das in der Wiedergabe durch die Hagens extrem atomisiert wurde, so viele Einzelteilchen lösten sich da heraus. Die „Verrücktheit“ der Schlussfuge, über der als scheinbar widersprüchliche Spielanweisung steht „Ebenso frei wie kunstvoll“, gelang sensationell.

Man konnte erneut nachvollziehen, dass der Uraufführungskritiker meinte, es sei für ihn „unverständlich, wie Chinesisch“ gewesen. Es ehrt die Hagens, dass ihnen fast 200 Jahre später noch immer ein solcher Eindruck gelingen kann. Auch die von Beethoven selbst so geliebte Cavatina wurde mit unerhörtem Empfindungsreichtum gespielt, das Presto huschte atemberaubend dahin, leicht ironisch wurde der „Danza tedesca“ zelebriert.

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