„Homebase“: Die Schweizer Kunstfamilie SPAMAM und der Bildhauer René Odermatt in der Bremer GaDeWe

Vermisste Gämse und vermummte Holzsucher

René Odermatt: Gämse.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Der Sockel ist glatt geschliffen, die Ecken sind gefällig gekappt, die Maserung wirkt edel. Schon an der Basis erfüllt die Holzarbeit geläufige Ansprüche ans Dekorative.

Doch es geht noch weiter: Aus dem Boden wächst wildromantische Natur. Dichtes Blattwerk überwuchert wellig Fels und Stein, ein gewachsener Bode, so als hätten unzählige Wurzeln über Jahrhunderte diesem Stück Erde ein eigenes Gesicht modelliert. Ein knorriger, verästelter Baumstumpf flankiert den noch lebendigen Wuchs.

So schön, so Klischee. Was die Holzschnitzerei unter anderem vom Mitbringsel aus dem Souvenirladen unterscheidet, ist im Titel zu suchen: „Gämse“ nennt René Odermatt sein Objekt. Ob sich der Besucher der Bremer GaDeWe (Galerie des Westens) nun über die Beschilderung oder das Ausstellungsstück selbst den Weg zur Kunst gesucht hat, schon bald dürfte er die Abwesenheit als eigentliches Motiv der Plastik identifiziert haben. Tiere sucht er auch in den Kleinplastiken „Adler“ oder „Bär“ vergeblich. Der geschnitzte Naturausschnitt könnte das Warten schildern, könnte sein, dass die titelgebenden Tiere gerade da waren, könnte aber auch sein, dass hier in einer historisch gewordenen Handwerklichkeit ein verdrängter Tierbestand Gestalt angenommen hat oder besser als Fehlstelle auftritt.

René Odermatt hat das Handwerk des Holzschnitzers im Berner Oberland gelernt, wo die Figuren traditionell eine wichtige Einnahmequelle darstellen. In seiner künstlerischen Praxis entfernte sich der Schweizer von der traditionellen Fertigung. Er baute unter anderem am Computer ein Repertoire von stilisierten Formen auf, dreidimensionale Piktogramme mit Motiven aus Natur und Architektur.

Nun pendelt seine Arbeit zwischen Handwerk und Technologie und bietet Anlass, über den Stellenwert beider Fertigungswege und über den Rang einer figürlichen und abstrakten Erschließung von Wirklichkeit nachzudenken. In der minimalen Verfremdung des Naturbildes, in der überraschenden Platzierung des Handwerklichen, zumal des souvenirkompatiblen Holzstücks im Kunstkontext entzündet sich jedenfalls Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit, zumindest auf den ersten Blick, dürfte auch dem Familienkunstunternehmen SPAMAM sicher sein, das zusammen mit Odermatt aus der Schweiz nach Bremen gekommen ist. Das Gastspiel ist Teil eines Austauschs der GaDeWe mit der Produzentengalerie Alpineum in Luzern. SPAMAM, der Name speist sich aus Anfangsbuchstaben von Vornamen, posieren mit orangenen Mützen auf großen Fotoprints. Die Aufnahmen entstanden während eines Besuchs der Gruppe/Familie in einem Holzwerk. Sowohl die Beschaffung von Material zur Ausbesserung des eigenen Holzhauses und für künstlerische Zwecke als auch die Selbstdarstellung als alltagspraktisch und künstlerisch handelndes Kollektiv sind ins Bild gesetzt. Als zentrales Objekt haben die Holzbauer einen roh gezimmerten Steg in den Galerieraum gesetzt, der zwei Ebenen zusammenschließt, funktionsfrei und zeichenhaft, ein Holzweg zum Spekulieren. (bis 3.9.)

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