Verlust, Liebe und Schmerz: Estrella Morente singt im Bremen zum Auftakt der Reihe Glocke Spezial

Natürliche Autorität und präzise Handarbeit

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Tanzschritte und stolze Posen gehören zu Morentes Repertoire.

Bremen - Von Wolfgang Denker. Die halbdunkle Bühne ist in purpurnes Rot getaucht. Estrella Morente betritt sie allein und intoniert a capella das erste Lied: eine klare, dunkel grundierte Stimme von faszinierender Farbigkeit. Erst dann kommen die Musiker dazu – zwei Gitarristen und ein Percussionist. Dazu drei Herren, die für gesangliche Unterstützung und rhythmisches Klatschen (die Palmas) zuständig sind. Alle sind irgendwie miteinander verwandt – ein richtiges Familienunternehmen. - Von Wolfgang Denker.

Estrella Morente gilt als Königin des Flamenco und ist in Spanien ein großer Star. Schon ihr kürzlich verstorbener Vater Enrique Morente war ein berühmter Flamenco-Sänger. Ihm hat sie ihr neuestes Album „Autorretrato“ (was so viel wie „Selbstbildnis“ bedeutet) gewidmet, das sie mit Musikern wie Michael Nyman, Paco de Lucia und Pat Metheny eingespielt hat. Es bildet den Kern ihres aktuellen Konzertrepertoires. Sie gastiert weltweit und hat auch das Publikum in der New Yorker Carnegie Hall, im Barbican Centre in London und im Konzerthaus Wien begeistert. Die New York Times schrieb, sie „verkörpere Vergangenheit und Zukunft einer alten Form“.

Diese „alte Form“, der Flamenco, stammt aus Andalusien und ist die Bezeichnung für bestimmte Lieder und Tänze, die von ausdrucksvollem Gesang, ausgeprägtem Rhythmus und instrumentalem Spiel (vorzugsweise der Gitarre) leben. Der Flamenco ist von vielen kulturellen Einflüssen geprägt, insbesondere von arabischen Zutaten. Dies war im Konzert deutlich zu hören.

Die Lieder handeln, ähnlich wie beim Fado, oft von Verlust, Liebe und Schmerz. Estrella Morente durchlebt in ihrem Gesang geradezu die gesamte emotionale Bandbreite des Flamenco und transportiert Gefühle und Haltungen wie Verzweiflung, Zorn und Stolz mit ihrer warm getönten Stimme und ihrem körperlichen Ausdruck äußerst eindringlich. Die meisten Lieder singt sie auf einem Stuhl sitzend. Sie wirkt dabei wie eine wahre Königin auf ihrem Thron und strahlt natürliche Autorität aus. Zwischendurch unterstreich Morente den Gehalt der Stücke mit Tanzschritten und stolzen Posen.

Die Lieder sind teils traditionell überliefert wie „Pregon“, „Seguirillas“ und das an Temperament kaum zu überbietende „Sivillanas“. Andere wie das Tangolied „La Estrella“ stammen von ihrem Vater oder ihr selbst („Requiem“).

Die Leistungen der Gitarristen Jose Carbonell „Montoyita“ und Jose Carbonell Serrano „Monti“ sind phänomenal. Viele Lieder beginnen wie träumerisch improvisiert, bevor sich die melodische und rhythmische Struktur entwickelt. Sogar „Moon River“ verirrt sich in eines dieser Intros. Beide steigern sich zu oft irrwitzigem Tempo und glänzen auch solistisch. Das rhythmische Händeklatschen ist ein essentieller Bestandteil des Flamenco und dominiert nicht selten das gesamt Lied. Antonio Carbonell Palmas, Enrique Morente Carbonell und Angel Gabarre Palmas leisten hier imponierend präzise „Handarbeit“ und treiben einige Stücke mit rhythmischer Urkraft bis zur reinen Ekstase. Pedro Gabarre „Popo“ ist für die Percussion zuständig und steuert an Bongos und anderen Instrumenten aparte Klangfarben bei. Den feurigen Rhythmus bestimmen aber in erster Linie immer die Palmas. Gabarre begeistert auch mit einer tänzerischen Einlage, bei der er den Bühnenboden mit einem wahren Trommelfeuer an Schritten bearbeitet.

Über allem schwebt die Stimme von Estrella Morente, deren Gesang ob seiner Eindringlichkeit, seiner kraftvollen Farbigkeit und seiner emotionalen Tiefe stets begeistert.

Dass Flamenco auch eine kommunikative Kunst ist, zeigen die Zurufe unter den Musikern und die aus dem Publikum, in dem auch viele Spanier saßen. Als Morente ihr berühmtes Lied „Volver“ aus dem gleichnamigen Film mit Penelope Cruz als Zugabe singt, hält es niemanden mehr auf den Stühlen.

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