Verloren zwischen Fragment und Performance: Ein Eindruck vom „Outnow!“-Festival in der Schwankhalle und im Theater Bremen

Die Chroniken der Nana S.

Kein Platz für Selbstbewusstsein: So präsentierte sich die Inszenierung von Franziska Konfroth und Julia Lwowski in der Schwankhalle Bremen.
+
Kein Platz für Selbstbewusstsein: So präsentierte sich die Inszenierung von Franziska Konfroth und Julia Lwowski in der Schwankhalle Bremen.

Bremen - Von Tim Schomacker. Sie waten durch haufenweise Heu. Wir warten auf eine Auflösung. Oder doch zumindest eine Lösung. Wobei es dafür vielleicht einer Spannung bedurft hätte, die sich nie so richtig einstellt an diesem späten Abend. Dabei haben sich Franziska Konfroth und Julia Lwowski gemeinsam mit einem zwölfköpfigen Musiktheaterkollektiv nichts Geringes vorgenommen. Gut zwei Stunden wird in emotional, sexuell, finanziell und gesellschaftlich prekären weiblichen Biographien herumgefurcht und -gefuhrwerkt als gäb‘s kein Morgen. Dabei will das Theater doch genau auf dieses noch näher zu bestimmende Morgen hinaus. - Von Tim Schomacker.

Unter anderem wegen dieser Neubestimmung sind die meisten im Zuschauerraum wohl da. Es ist die Mitte des diesjährigen sechstägigen „Outnow!“-Festivals. Seit vielen Jahren präsentiert das Format in der Bremer Schwankhalle, und inzwischen gemeinsam mit dem Bremer Theater, Produktionen eher jüngerer, am Theatermarkt maximal halbetablierter Ensembles, Regisseure und Performer.

Quasi zum Bergfest also gibt es am Samstag „Lulu/Nana oder Das Huhn mit dem Inneren und dem Äußeren“ in der Schwankhalle. Konfroth und Lwowski haben sich als Patinnen für ihre Bühnenrecherche zu weiblichen Projektionsflächen – und wie man als Frau damit umgeht – denkbar starke Figuren geborgt: Hier Wedekinds Lulu, dort Nana S. aus Godards 1962er-Film „Vivre sa vie“. Die naheliegende Frage, wie und warum hier Männer einen beeindruckend-analytischen Blick auf Frauenbiographien und Geschlechterverhältnisse werfen, kommt leider nicht wirklich vor. Das wäre eine Möglichkeit gewesen, aus dem dramaturgisch geschickt (wenn auch nicht rasend originell) aufgetürmtem Material, heraus- und den ästhetisch, poetisch sowie analytisch schier übermächtigen Vorbildern selbstbewusst entgegen zu treten.

Stattdessen müht sich das Akteur-Dutzend an gegenwärtigen Spielformen ab: Eine Live-Kamera holt eine „Lulu“-Darstellerin nach der anderen ins kunstvoll überbelichtete Video-Bild. Abwechselnd beginnen die Darstellerinnen, die gerade nicht im Bild sind, erzählend den roten Faden des Abends zu knüpfen. Man würde immer wieder die Rollen wechseln, davon mögen sich die Zuschauer bitte nicht durcheinanderbringen lassen. Das Bühnenarrangement ist nachlässig. So stehen Grabsteine herum, hinten links eine Jurte, Stühle, ein Koch- und Esstisch. Ein vierköpfiges Instrumentenensemble, Gong und große Trommel inklusive vervollständigen das Bild. In Monologen wird das Schicksal der Hauptfiguren als Martyrium deklariert; in Dialogen forschen die Darsteller nach dem Wesen der Sprache oder thematisieren die Bühnensituation.

Da wird eine hocherotische Stierkampf-Sequenz von Bataille aus dem Buch vorgelesen. Alles wissend, alles zeitgenössisch, alles da. Doch sehr selten blitzt etwas von diesem Überschuss auf, durch den Theater über die Idee von sich selbst hinausgeht: Wenn Gina Maiwald einen Vielredeteil unterbricht und zu ihrem Kollegen, der gerade eine Lampe für den nächsten Abschnitt sucht, sagt: „Wie heißt du denn nochmal, wir spielen doch zusammen“. Wenn der knarzige Günther Schanzmann ein Tuch von der Jurte zerrt und verkündet, er wolle jetzt ein Picknick machen. Wenn sich die Stimme von einer der beiden Sopranistinnen immer wieder zu Fragmenten aus Alban Bergs Opernadaption der Lulu in den Saal kerbt. Kristallin, irgendwie.

Der Präsenz der Vor-Bilder, der Kunstwerke mehr noch als der Figuren, hetzen die Zwölf gut zwei Stunden hinterher. Und verlieren – Fragment, offene Form, Performance hin oder her – sowohl das Ziel wie auch den Weg ein wenig aus den Augen. Manchmal muss man von vielen Ideen eben nicht alle umsetzen. Weil „Outnow!“ aber ein Nachwuchsfestival ist, kann man der Kompanie ein wenig Fokussierung für die Zukunft wünschen. Und ein bisschen mehr Achtsamkeit mit Sprache, Mimik und Gestik.

Über die gut zwei „Lulu/Nana“-Stunden ist es spät geworden in der Bremer Neustadt. Durch den verspäteten Beginn hat man nun eine vielleicht trashig-launige Puppen-Koch-Show verpasst. Und in Thomas Bartlings bedrohlich kugeligen kleinen Wohnwagen auf dem Hof haben wir es auch nicht mehr geschafft. Dabei wäre es gewiss interessant, zu erleben, wie anders es ist, wenn jemand nur einem Zuschauer auf die Pelle rückt um von „Meinen ersten 100 Männern“ zu berichten, statt die Intimität mal wieder nur sprachlich-semantisch-augenzwinkernd auf der verhuschten Bühne zu, nun ja, sezieren.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Kommentare