Verloren im Wald

Ohne tiefere Bedeutung: „Fidelio“ in Hamburg

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Hübsch sieht sie wenigstens aus, die „Fidelio“-Inzenierung in Hamburg.

Hamburg - Von Wolfgang Denker. Warum haben der Dirigent Kent Nagano und der für die Regie verantwortliche Hausherr Georges Delnon nicht gleich die Ouvertüre zum „Freischütz“ oder zu „Hänsel und Gretel“ an den Beginn ihres „Fidelio“ gesetzt? Denn der Wald spielt in der Hamburger Staatsoper eine zentrale Rolle.

Durch die große Fensterfläche von Roccos spießigem und scheußlich tapeziertem Wohnzimmer sieht man ihn in verschieden Variationen, mal in saftigem Grün, mal in fahler Beleuchtung und am Ende gar neblig und kahl von Schnee bedeckt (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Fast immer wenn jemand von draußen dieses Wohnzimmer betritt, ist Hundegebell zu hören – ein „Running Gag“ ohne tiefere Bedeutung. Die tiefere Bedeutung fehlt der Inszenierung eigentlich durchgängig. Sie ist mit ihrer überwiegend hilflosen Rampensteherei eher langweilig. „Abscheulicher, wo eilst du hin?“ oder die „Namenlose Freude“ werden sogar einfach nur vor dem geschlossenen Zwischenvorhang gesungen.

Zudem gibt es ein paar entbehrliche Zutaten: Bevor die in dieser Kritik an den Beginn gestellte dritte Leonoren-Overtüre erklingt, die von Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester differenziert und eindringlich musiziert wird, klimpert Haustochter Marzelline am Klavier, und Rocco hackt in die Schreibmaschine. In den Aktenschränken stapeln sich die Gefangenen. Florestan liegt in einer Badewanne wie Jean Paul Marat – womit auch die Französische Revolution in den deutschen Wald verlagert wird. Diese Szene, bei der Rocco und Fidelio ein Grab in die Naßzelle schaufeln sollen, während Pizarro den Schauplatz lauernd umschleicht, ist am wenigsten gelungen.

Licht und Schatten

Auch die Idee, die wunderbare Einleitung zu Florestans Auftrittsarie dadurch zu verhunzen, dass Jaquino dabei mal eben Marzelline vergewaltigt, ist abwegig. Die Kunde von der Befreiung Florestans tönt schließlich aus den Lautsprechern eines Konzertschranks Modell „Fidelio“, den es in den 50er- Jahren tatsächlich gab. Immerhin.

Licht und Schatten gibt es auch auf der musikalischen Seite: Falk Struckmann überzeugt als Rocco mit jedem Ton dank seiner kernigen Stimmsubstanz. Auch Simone Schneider kann mit ihrem etwas herben und dunkel gefärbten Sopran punkten, denn sie gestaltet die Partie mit Kraft und Emotionalität. Chistopher Ventris hingegen kommt als Florestan stellenweise einem Totalausfall gleich. Er hat mit der Rolle sehr zu kämpfen, wobei die exponierten Töne selten gelingen. Mélissa Petit gibt die Marzelline als koketten Teenager und überzeugt mit schlankem Soubrettenton. Werner von Mechelen singt den Pizarro nicht mehr als solide, wobei er aber die Gefährlichkeit der Figur kaum vermitteln kann. Thomas Ebenstein ist ein zuverlässiger Jaquino, während Kartal Karagedik als Don Fernando eher blass bleibt. Aufhorchen lässt hingegen Dae Young Kwon als erster Gefangener. Der Chor (Leitung: Eberhard Friedrich) beweist besonders im Finale opulente Klangfülle. Kent Nagano hat sicher schon inspirierter dirigiert, aber seine Wiedergabe gefällt insgesamt dann doch und kommt Beethovens „Fidelio“ näher als die Inszenierung.

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