„Gratis Comic Tag“

17 Verlage beteiligen sich am Fest für Comic-Nerds

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Umsonst macht misstrauisch. Vor allem wenn es um Dinge geht, die eigentlich ein Schweinegeld kosten. Heute aber, zum „Gratis Comic Tag“, darf man die Vorsicht ruhigen Gewissens mal beiseite lassen – die Sache hat wirklich keinen Haken. Nur ein bisschen verführt werden soll man. Zum Comiclesen nämlich.

Und das dürfte auch klappen, angesichts des eigens aufgelegten Aktionsprogramm der 17 teilnehmenden Verlage. 34 Hefte liegen in Comicläden und Buchhandlungen bereit. Darunter fast vergessene Klassiker wie Hugo Pratts „Corto Maltese“, der hierzulande lange nur antiquarisch zu bekommen war, aber auch brandneue Titel wie „Fight Club 2“, mit dem Kulturautor Chuck Palahniuk zur Fortsetzung seines ebenso kult-verfilmten Romans ins Comicgenre hinübergewechselt ist.

Dass Comics heute als Kultur durchgehen, unterstreichen Teilnehmer wie die Bremer Stadtbibliothek. Denn während die Händler beim Verschenken freilich auch auf den ein oder anderen Verkauf hoffen, verteilt die Bibliothek einfach so – und hat zudem Künstler Mawil zur Lesung seiner DDR-Geschichte „Kinderland“ eingeladen.

Wer als Comicfan nun aber Angst hat, es nur noch mit arrivierten Kulturcomics zu tun zu bekommen, kann sich entspannen: „We Stand on Guard“ erzählt etwa vom Guerillakrieg zwischen Kanada und den USA. In Bonbonfarben und mit unübersehbarer Freude an futuristischer Kriegsmaschinerie zwar, dabei aber alles andere als blöde. Geht es doch um die knappen Wasservorräte nach der selbstgemachten Klimakatastrophe.

Herausgegeben werden die Sonderauflagen dieser alten und neuen Geschichten vom Hamburger Verlag Schreiber & Leser, der die Organisation der branchenweiten Aktion stemmt. Alle Hefte tragen ein Comictag-Logo und sind mit 17 mal 24 Zentimetern kleiner als Standardalben. Doch auch, wo darum ein bisschen gestaucht werden musste, ist das durchweg ansehnlich gelungen. Die Bände sind produktionsbedingt auf 32 oder 48 Seiten festgelegt, was hier und da Platz ließ für Skizzenzeichnungen, Hintergrundtexte – und ja, auch ein bisschen Werbung.

Blick über den Tellerrand möglich

Eine gute Gelegenheit ist das übrigens auch für einen Blick über comic-internen Tellerrand. Gastgeber Schreiber & Leser geht unter anderem mit der Mini-Werkschau einer Mangagröße ins Rennen: Jiro Taniguchi aus Japan wechselt eindrucksvoll zwischen Action, Naturmystik mit überwältigenden Landschaftsbildern und nachdenklichen Alltagsgeschichten aus der urbanen Gegenwart.

Das ist schon deshalb einen Blick wert, weil Manga – im Gegensatz zu den Regalmetern im Bahnhofsbuchhandel – auf dem Event eher eine Nebenrolle spielt. Weiter reicht die Bandbreite vom zauberhaften Kindercomic „Kiste“ bis zur pornografischen Endzeitgeschichte „Die Überlebende“, die trotz Freigabe ab 16 noch mit schwarzen Balken zensiert, wo die Albumversion von Paul Gillon (übrigens noch so ein wiederentdecktes Comic-Urgestein) weniger Scham beim Schamhaar beweist.

Der Griff nach dem richtigen Heft bleibt jedenfalls auch vorsortiert nach Alter und Genregeschmack eine kleine Herausforderung. Die meisten Läden geben nur drei oder fünf Hefte heraus, um nicht mittags schon mit leeren Händen dazustehen. Vielleicht eine gute Gelegenheit, gleich mehrere Läden zu besuchen und so nebenbei noch die Vielseitigkeit der örtlichen Szene kennenzulernen.

Event besteht seit 2010

Das Verschenk-Event findet in Deutschland seit 2010 statt und ist inzwischen Tradition, obwohl manche dafür in die nächste Großstadt fahren müssen: Sechs Lokale nehmen allein in Bremen teil – im Umland sieht es auch im siebten Jahr noch dünn aus. Ein bisschen sonderbar ist es ja schon, wie das lange als Schund verrufene Massenmedium nach ihrem Sieg über die Vorbehalte der Kulturinstitutionen nun ausgerechnet auf dem Publikumsmarkt mit Geschenken um Aufmerksamkeit ringen muss – ein Glücksfall allerdings für alle, die schon begeistert sind.

Mawil ist ab 12 Uhr im Wall-Saal der Bremer Stadtbibliothek. Eine Liste der teilnehmenden Läden gibt es unter www.comictag.de

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