„Schutt und Futter“: Jonas Burgert in der Kestnergesellschaft Hannover

Der verkleidete Mensch

Hannover - Von Jörg WoratDie Malerei ist tot? Dann muss man vergessen haben, Jonas Burgert davon in Kenntnis zu setzen. Der Berliner Künstler sorgt jedenfalls zur Zeit in der Kestnergesellschaft in Hannover mit seinen Ölgemälden für Furore.

Insbesondere die Riesenformate wirken beim ersten Hinschauen schon mal wie eine visuelle Tracht Prügel. Auf bis zu vier mal sieben Metern breiten sich sonderbarste Szenarien aus. In wenig anheimelnden Umgebungen tummeln sich Figuren, die ebenso Reisereportagen entstammen könnten wie Geschichtsbüchern oder Science-Fiction-Romanen: Hier scheint eine Voodoo-Puppe lebendig geworden zu sein, da hält eine Art buddhistischer Mönch aus dem Hintergrund ein Lot in die Bildmitte, dort wiederum lugt ein halber Kopf mit so etwas wie einer Nofretete-Krone hervor. Die Größenverhältnisse geraten gern aus den Fugen, auch eine historische Einordnung fällt schwer, wobei die Jetztzeit keineswegs ausgeklammert wird und sich etwa in schrillen Graffiti manifestieren kann. Die superheftige Farbigkeit mit zum Teil krassen Kontrasten trägt erheblich zum überwältigenden Eindruck der Bilder bei.

Was genau die mannigfachen Gestalten darin treiben, bleibt unklar, sie nehmen auch kaum einmal Bezug aufeinander. Ab und an scheinen die Kompositionen vage an Vorbilder wie Géricaults „Floß der Medusa“ zu erinnern. Wie überhaupt die Kunstgeschichte sehr wohl durchschimmert, etwa bei den vielen Vanitas-Symbolen wie der Glocke ohne Klöppel oder dem Siegeskranz, der achtlos an die Mauer gelehnt ist und offenbar schon eine ganze Weile vor sich hinmodert. Ein klassischer Geschichtenerzähler ist Burgert, Jahrgang 1969, jedenfalls nicht, schon gar kein Nacherzähler: „Ich erfinde Szenarien, die auf den existenziellen Handlungen der Menschen beruhen“, betonte er im Interview. „Deshalb denkt man wohl manchmal tatsächliche Geschichte zu erkennen, aber man wird sie nicht finden.“ Nur konsequent, dass der Künstler seinen Bildern vieldeutige Titel verleiht wie „Schutt und Futter“ – so heißt auch die gesamte Ausstellung –, „Stückfrass“ oder „Stickstaub“.

Interessanterweise funktionieren die Arbeiten im kleinen Format ebenfalls, wenngleich anders. Im Einzelfall können hier die Figuren sogar eindringlicher wirken, Figuren, die oft eine mehr oder minder extravagante Körperbemalung tragen: „Anders als Tiere hadern Menschen mit ihrer Existenz, ihrer Definition“, meint Burgert hierzu. „Wenn man einen Affen sieht, sieht er aus wie ein Affe, oder ein Hund sieht aus wie ein Hund. Doch ein Mensch sieht nicht aus wie ein Mensch, er ist verkleidet und trägt die Insignien seiner jeweiligen Kultur. Dieses Phänomen interessiert mich in der gesamten Menschheitsgeschichte, weshalb ich auch sehr archaische Figuren benutze.“

Inwieweit Burgerts Bildfindungen auf Dauer tragen, muss die Zukunft zeigen. Aktuell sollen seine Werke jedenfalls schon mal sechsstellige Summen erzielen, und im Gästebuch der kestnergesellschaft bezieht sich die absolute Mehrheit der Kommentare auf ihn und nicht auf die parallel laufende Ausstellung mit ethnologischen Feldforschungs-Installationen von Ulrike Ottinger. Die meisten Einträge zeugen von einiger Faszination – doch insgesamt reicht die Bandbreite von „Jonas, du bist der Hammer!“ bis „Hilfe! Was für ein Kitsch!“.

Kestnergesellschaft Hannover, bis zum 20. Mai. Täglich 11-18 Uhr, außer Do: 11-20 Uhr.

Eintritt: 7 Euro.

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