Verkannt und vergessen

Bremer Doppelausstellung blickt auf deutsche Bildhauerinnen

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Problem mit Nackten: Die Ausstellung ist in verschiedene Themen gegliedert.

Bremen - 1919 war sein Jahr, Plastiken wie „Betende“, „Knieende“ oder „Große Schreitende“ verschafften Karl Luis Heinrich-Salze erste Erfolge in der Kunstszene. Eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch, allerdings mit einem Schönheitsfehler: Den Bildhauer gab es gar nicht. Heinrich-Salze war ein Pseudonym und für Katharina Heise die einzige Möglichkeit, ihre Kunst sichtbar zu machen. Zumindest bis 1931, dann verließ sie die Anonymität.

Genützt hat ihr dies allerdings wenig, denn heute kennt fast nur das Fachpublikum ihren Namen. Eine Ignoranz, die nicht nur sie getroffen hat, sondern Generationen von Bildhauerinnen vor und nach ihr. Das soll sich ab Sonntag ändern. Dann beginnt im Bremer Gerhard-Marcks-Haus und in den Museen Böttcherstraße die Doppelausstellung „Bildhauerinnen“. Eine Schau, die bis zum 11. August 100 Werke von 50 Künstlerinnen aus vier Generationen versammelt und sich damit aufmacht, all jenen Künstlerinnen ein Denkmal zu setzen, deren Œvre bis heute nur wenig oder gar nicht erforscht ist. Oder deren Arbeiten wir zwar kennen, sie aber nicht mit ihnen verbinden.

So wie bei Else Bach. Sie schuf 1936 ein graziles, weißes Keramik-Reh. An sich nichts Außergewöhnliches, wenn Bildhauerinnen im 19. und 20. Jahrhundert eines zum ästhetischen Diskurs beigetragen haben, dann Tierskulpturen. Und doch ist dieses Reh etwas besonderes: Es ist der Vorläufer jenes bronzefarbenen Bambis, das bis heute einmal im Jahr an B-Promis verliehen wird. 1948 sah der Karlsruher Verleger nämlich in genau diesem Tierchen die ideale Verkörperung des Publikumspreises für die beliebteste Schauspielerin. Damalige Preisträgerin war Marika Rökk, deren Tochter in der Auszeichnung direkt den Held aus dem Disneyfilm „Bambi“ wiedererkannt und dem Preis damit seinen Namen gegeben haben soll.

Milly Steger „Tänzerin“

Nur eine von zahlreichen Anekdoten zu den Werken der umfangreichen Ausstellung, die übrigens in Kooperation mit den Städtischen Museen Heilbronn entstanden ist. Dort lief die Schau bereits, allerdings mit einer anderen, chronologischen Ausrichtung. Die Bremer Museen haben sich davon verabschiedet und die Arbeiten stattdessen in einzelne Themenkomplexe gegliedert.

Im Marcks-Haus sind dies zwei Bereiche: Hürde und Klischee. Das klingt zunächst einmal arg negativ und irgendwie trostlos. So will Kuratorin Mirjam Verhey dies aber nicht verstanden wissen, bei Hürden und Klischees gehe es vielmehr um Hindernisse, die von den Künstlerinnen überwunden worden seien. Gegen oftmals massive gesellschaftliche Widerstände. Denn was Frauen bildhauerisch darstellen dürften, darüber waren sich ihre männlichen Zeitgenossen durchweg einig. Mütter und Kinder waren in Ordnung, Tiere sowieso und Porträts ließen viele Zeitgenossen ebenfalls gerne von weiblichen Händen anfertigen.

Jetzt mit neuer Nase: Anna von Kahle „Selbstbildnis“ (vorne).

Ein Sexismus, bei dem sich heute die Nackenhaare aufstellen. Zumal auch die Ausbildung der Künstlerinnen mehr als mangelhaft war – Frauen durften in Deutschland erst ab 1919 Kunsthochschulen besuchen. Doch nicht nur das, Aktstudien waren ebenfalls tabu, zumindest wenn sie einen Mann näher in Augenschein nehmen wollten.

Heute ist die Lage zumindest auf den ersten Blick eine andere, wie sich an Arbeiten von äußerst erfolgreichen und anerkannten Bildhauerinnen wie Priska von Martin oder Isa Genzken zeigt. Aber auch wenn ihnen nun die Anerkennung gezollt wird, die ihnen gebührt, sind ihre Vorgängerinnen bis heute einer permanenten Nichtbeachtrung ausgesetzt, wie sich am Selbstbildnis von Anna von Kahle zeigt. Die Frau hinter der Büste von Theodor Fontane steht in der Bremer Ausstellung stellvertretend für alle Künstlerinnen, deren Werke bis heute vergessen in irgendwelchen Depots schlummern. Im Fall ihres Selbstbildnisses, in dem sie sich mit all den Fehlbarkeiten des Alters abbildete, war dies im Stadtmusem Berlin der Fall. Dort erinnerte man sich zwar an die Bildhauerin, stellte beim Gang ins Depot jedoch fest, dass dem Künstlerinnen-Kopf die Nase abhandengekommen war. Bei einem Ladenhüter wie von Kahle war dies jahrelang niemandem aufgefallen.

Angucken

„Bildhauerinnen“ ist noch bis zum 11. August in den Museen Böttcherstraße und dem Gerhard-Marcks-Haus zu sehen.

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