Hamlet will in Oldenburg nicht rächen, sondern retten – doch dieser Staat ist von Anfang an dem Untergang geweiht

Vergiftete Versöhnung

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Hamlet (Vincent Doddema, r.) bei seiner Ophelia (Sarah Bauerett): Intimes Liebesglück? Von wegen! Papa Polonius (Denis Larisch, l.) schaut heimlich zu. ·

Von Johannes BruggaierOLDENBURG · Sein oder Nichtsein, das war für die Einwohner Oldenburgs im Jahr 1676 eine nur allzu berechtigte Frage. Bei einem Gewitter waren drei Blitze gleichzeitig in der Stadt eingeschlagen, der Großbrand legte 700 Häuser in Schutt und Asche.

Regisseur Jan-Christoph Gockel lässt zu Beginn seiner „Hamlet“-Inszenierung eine Stimme aus dem Off von dieser Tragödie erzählen. Weil sie ins Bewusstsein rückt, wie schnell die Zeit aus den Fugen geraten kann. Und weil sie unterstreicht, wie nah uns das Schicksal von Shakespeares dänischem Prinzen ist. Das zerstörte Oldenburg nämlich befand sich zur Zeit der Katasstrophe im Besitz der dänischen Krone – was den König nicht sonderlich interessierte. Statt den verarmten Oldenburgern zu helfen, holte er die vom Brand verschonten Kunstschätze nach Kopenhagen.

Es war also in der Tat so manches faul im Staate Dänemark. Auf der Bühne des Oldenburgischen Staatstheaters bemerken das als Erste zwei Bauarbeiter mit Sicherheitsweste und Schutzhelm (René Schack als Francisco und Thomas Birklein als Barnardo). Seltsame Geräusche haben sie gehört, draußen vor der grauen Blechwand, die das Schloss Elsinore verdeckt. Und auch Horatio (Sebastian Brandes), Freund des zum Studium in Wittenberg weilenden Prinz Hamlet, hört das unheimliche Dröhnen – nachdem er sich eben noch über die Furcht seiner Kollegen lustig gemacht hat. Was ist das bloß?

Vielleicht das Dröhnen in ihren eigenen Köpfen, das Unbehagen einer Gesellschaft, die ihren Staat auf einem Verbrechen gegründet hat. Ihr König nämlich ist bekanntlich keines natürlichen Todes gestorben, sondern wurde ermordet von seinem Bruder Claudius, der jetzt im Reich das Zepter schwingt. Und weil der Spuk nichts weiter zu sein scheint als das Grollen der Volksseele, so ist es auch kein Geist, der dem in die Heimat zurückkehrenden Hamlet (Vincent Doddema) von diesem Verbrechen kündet. Es sind die Bürger.

Eng scharen sie sich um ihn: Francisco und Barnardo, Horatio und Polonius (Denis Larisch), Rosencrantz (Klaas Schramm) und Guildenstern (Eike Jon Ahrens). Sogar der Mörder selbst, König Claudius (Gilbert Mieroph), ist dabei, stimmt seinerseits in den vielstimmig raunenden Appell ein, Hamlet möge die Tat rächen.

Das ist wahrhaftig kein nur angefaulter Staat, den der Prinz hier vorfindet: Es ist vielmehr ein ganzer Sumpf aus Intrigen und Verrat, ein Morast, dessen Trockenlegung selbst diejenigen herbeisehnen, die von ihm profitieren. Man mag bei einem solchen Desaster dieser Tage an Griechenland denken oder an Italien. Doch anders als in Europas Schuldenkrise ist der Oldenburger Hoffnungsträger bloß ein nachdenklicher Student ohne politische Erfahrung. Sein Haar wirr, seine Kleidung schludrig, sein Blick unsicher.

Als die Blechwand sich hebt und die von Claudius sanierte Schloss einrichtung freigibt – eine Fortsetzung des neobarocken Oldenburger Zuschauerraums (Bühne: Julia Kurzweg) – entlarvt dieser Adelsspross all die architektonische Zierde als bloßen Schein. Ein Griff genügt ihm, schon bricht der Stuck in großen Brocken von der Balustrade ab: Styropor statt Stein, was für ein Pfusch. Wo aber anfangen mit der Erneuerung? Bei dem Tyrannen, den es zu stürzen gilt, um den Tod des Vaters zu rächen? Wäre das nicht nur eine Fortsetzung der Blutrache?

Hamlet entscheidet sich für die intellektuelle Variante: die Kunst. Wenn die Schaubühne wirklich eine moralische Anstalt ist, dann ließe sich mit ihr die Gesellschaft erneuern. So engagiert er kurzerhand Francisco, Barnardo und Horatio als Schauspieler. Ein Theaterstück über den Mord am Vater: Auf dass der im Publikum sitzende König Claudius seinen eigenen Frevel erkennt. Doch die erhoffte Katharsis bleibt aus, auf Reue, Schuldeingeständnisse und dann gar Reformen mag sich niemand einlassen. „Ist ja auch nur Theater“, ruft Hamlet höhnisch dem Publikum zu: „Wir haben damit ja nichts zu tun!“

Bleibt noch die Liebe. Ophelia (Sarah Bauerett) hat Hamlets Zuneigung deshalb erlangt, weil sie als einzige in diesem verlogenen Staat so etwas wie Authentizität verkörpert. Jedenfalls, wenn man ihre Zahnspange und die dickglasige Brille als Ausweis für mehr Sein statt Schein gelten lässt. In Wahrheit aber ist es auch mit Ophelias Tugend nicht weit her: Als treudoofe Tochter des intriganten Polonius lässt sie sich für höfische Ränkespiele missbrauchen, trägt dem Königspaar brav die empfangenen Liebesbriefe vor und spielt bei einem Spionageangriff auf Hamlet den Lockvogel.

Nein, in Verhältnissen wie diesen ist mit hehren Werten kein Staat zu machen. Weshalb sich Hamlet im zweiten Teil des Abends dann doch von der Rachsucht leiten lässt.

Das alles ist von Gockel anregend und unterhaltsam, über weite Strecken auch inhaltlich überzeugend gelöst. Dass manche Wendungen fragwürdig erscheinen (etwa ein unnötiger Schlagervortrag an Ophelias Sarg), kann bei einem solch entschlossenen Zugriff schon mal passieren.

Großartig aber fällt an diesem Abend der Auftritt des Titelhelden aus. Die Erwähnung von Vincent Doddema auf dem Programmzettel gilt in Oldenburg ohnehin schon als Versprechen. Mit seinem Hamlet übertrifft er diese Erwartungen, gerade weil er hier nicht allein seinem Talent zur situativen Komik verträumter Charaktere vertraut – was die sichere Bank wäre. Vielmehr zeichnet Doddema das facettenreiche Porträt eines Nachwuchspolitikers, der seinen eigenen Anspruch sukzessive an die Realität anpassen muss. Auch Sarah Bauerett als linkisch intrigante Tochter eines durchtrieben intriganten Politprofis vermag zu überzeugen: Der Apfel fällt hier so dicht am Stamm, dass kein Blatt dazwischen passt.

Mit – frei nach Lessing – „allseitigen Umarmungen“ findet dieser „Hamlet“ ein vordergründiges Happy End. Doch wo sich bei „Nathan der Weise“ im großen Kuscheln auch eine große Versöhnung spiegeln soll, bleibt bei Gockels Shakespeare wieder nur der große Schein: Die sich hier so herzlich umarmen, haben einander längst vergiftet.

Weitere Vorstellungen: am 22., 24. und 29. Februar, jeweils um 19.30 Uhr.

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