In der Bremer Böttcherstraße gastieren Krefelder Kunstschätze und erinnern an bedeutende Museumsdirektoren

Vergessene Modernität

Moderner Klassiker der „Farbwelten“: Wassily Kandinskys Sintflut I aus dem Jahr 1912.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Am Sonntag eröffnet das Paula- Modersohn-Becker-Museum den Bremer Ausstellungshöhepunkt des Jahres: Unter dem Titel „Farbwelten“ sind Meisterwerke der Moderne aus den Sammlungen der Krefelder Museen in der Böttcherstraße zu sehen.

Rainer Stamm, Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße, ist durch eine Zeitungsnotiz darauf aufmerksam geworden, dass das Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum wegen Renovierungsarbeiten schließen muss. Dies eröffnete die Möglichkeit zu dem hochkarätigen niederrheinischen Gastspiel. Stamm ist die Bedeutung der Krefelder Bestands als Kenner nordrhein-westfälischer Sammlungsgeschichte allerdings schon länger bewusst. Wir sprachen mit ihm über sein attraktives und zugleich ambitioniertes Projekt.

?Herr Stamm, Sie haben zu Ihrer Ausstellung des Jahres Werke aus Krefelder Museen ins Haus geholt. Krefeld klingt nicht unbedingt nach Kunstmetropole. Was macht die Kollektion so interessant?

!Für mich ist Krefeld ein vergessener Vorort der Moderne. Mindestens zweimal war die Stadt Stätte der absoluten Avantgarde. Über Lichtwark, Tschudi, Osthaus oder Pauli als Pioniere der Moderne wird viel gesprochen. Aber Friedrich Deneken, der erste Direktor des Kaiser-Wilhelm-Museums in Krefeld, war als Förderer der französischen Impressionisten ebenso aktiv. Für mich ist es ein besonderes Anliegen, an ihn zu erinnern.

?„Farbwelten“ versammelt Meisterwerke und durchschreitet Epochen. Dennoch grenzen Sie sich von einem „Vonbismus“ ab. Wie lautet Ihr Konzept?

!Wir dokumentieren bedeutende Sammlungsgeschichte und verfolgen mit der Farbe ein zentrales Thema der Moderne. Deneken hat schon 1907 Gauguin und van Gogh in Krefeld gezeigt. Der Monet, den wir jetzt hier im Haus haben, ist 1907 aus dieser Ausstellung heraus gekauft worden. Kein lichtvolles, sondern ein dunkles, als schmutzig und unscharf diffamiertes Bild. Das war dem Kleinbürgertum, der lokalen Presse, den städtischen Abgeordneten in Krefeld zu viel geworden. Deneken musste 1909 versprechen, nie wieder „fremdländische“ oder moderne Kunst zu zeigen und anzukaufen.

?Nach einer Zwischenzeit unter Max Creutz, der sich mit der Förderung des Expressionismus nicht von anderen Kollegen unterschied, gab es mit Paul Wember noch einmal einen kräftigen Innovationsschub.

!Noch heute ist Paul Wember für viele Museumsdirektoren eine der ganz großen Kultfiguren. Als andere Museen nach 1945 behutsam an den Expressionismus anknüpften, lud er Jean Tinguely, Yves Klein, Fontana, Manzoni ein, mit ihm zusammenzuarbeiten.

?Aber für Denekens Nachfolger war die Kooperation mit den Zeitgenossen nicht so riskant.

!Doch, das Spiel in der Öffentlichkeit wiederholte sich. Tinguely fand man noch ganz amüsant. Doch Armans Mülleimer waren zuviel.

?Man kann also festhalten: Bedeutende, weitsichtige Einzelkämpfer in einem engen Umfeld?

!Einerseits ja. Aber was wir heute übersehen: Krefeld war eine unglaublich reiche Stadt. Mit der Textilindustrie verband sich das große Geld.

?Aber verbindet sich mit Geld auch Kunstverstand?

!Es gehörte zur Emanzipation der Industriellen, sich mit Kunst zu schmücken. Um 1910 musste ein van Gogh ins großbürgerliche Wohnzimmer. Man zeigte, dass man hip war, dokumentierte Zugehörigkeit zu einer neuen Zeit. Deneken hat aufgeschlossene Bürger gefunden, die ihm halfen, einen Rodin zu kaufen, den er nie durch die Stadtverordnetenversammlung bekommen hätte.

?Sie durften sich aus dem Krefelder Sammlungsbestand Ihre eigene Auswahl zusammenstellen. Fiel die Wahl schwer?

!Nein, das machte ungeheuren Spaß.

?Stand der Schwerpunkt „Farbe“ von Anfang an fest?

Der hat sich im nachhinein du!rch die Werk-Auswahl ergeben. Man sieht herausragende Qualität, aber auch, wie eine Ausstellungserzählung zustande kommen könnte.

?Entspricht Ihre Auswahl den Schwerpunkten in Krefeld?

!Nicht so ganz. Die Krefelder Museen, vor allem Haus Lange und Haus Esters, verstehen sich weit mehr als Avantgarde-Museen. Sie führen chronologisch und in der Gewichtung viel weiter. Wir haben auch manche Werke aus dem Depot geholt. Den Thorn Prikker, unsere Katalognummer 1, habe ich dort noch nie an der Wand gesehen. Auch der Thoma in unserer Ausstellung würde von anderen vielleicht nicht so hoch eingeschätzt. Für mich dokumentiert er den Blick des Krefelder Gründungsdirektors: Nicht den Erzähler Thoma hat er für sein Museum ausgewählt, sondern einen „Farbfeld“-Maler.

?„Farbe“ dient also als Gerüst für einen kunstgeschichtlichen Kurs und spiegelt zugleich konkrete Krefelder Sammlungs- und Ausstellungsgeschichte?

!Ganz explizit. Creutz machte 1928 eine Ausstellung zum Thema Farbe. Deneken stellte eine „Farbenschau“ zusammen. Da waren Schmetterlinge, Signac, Industrieprodukte zu finden. Unterschiedlichste Publikumkreise sollten für das Thema sensibilisiert werden.

?Welche Kapitel in der Geschichte der Farbe schlägt Ihre Präsentation da auf?

!Wir haben um 1860 die besondere Situation, dass Künstler der akademischen Ton-in-Ton-Malerei überdrüssig waren und zugleich die Farbtube erfunden wurde. Plötzlich gibt es die Möglichkeit, draußen vor dem Objekt mit Farben zu malen. Das ist der Urknall in der Emanzipation der Farbe. Im Post-Impressionismus, da setzen wir mit unserer Ausstellung ein, wird die Ausein andersetzung mit den Möglichkeiten der Farbe zum eigenständigen Thema.

Monet verhandelt fast didaktisch in Serien den Wandel des Lichts. Monet und Signac erkennen, dass Licht und Farbe unmittelbar zusammenhängen. Sie zerstückeln Licht und Farbwirkung in Duktus und Auftrag.

?Nicht nur Überdruss an der Tradition oder neues Material haben den Blick auf die Farbe, sondern auch wechselnder geistesgeschichtlicher Hintergrund.

!Im nächsten Kapitel tritt die Farbe als Ausdrucksmittel auf. Sie ist nicht mehr an den Gegenstand gebunden. Das Bild befreit sich, der Künstler als freier Schöpfer entscheidet allein, welche Farbe ein Objekt bekommt. Im Konstruktivismus ist die Farbe ein Element neben Linie und Fläche. Farbe und Form arbeiten gemeinsam und werden zu einem Ausgleich im Bild, in eine Balance der Gewichte gebracht.

In dieser Versachlichung ist die Farbe bereits auf dem Weg zu unserem vierten Kapitel. Dort wird sie selbst zum Objekt und zum Stoff. Bild und Bildträger verbinden sich. Das Bild wird nicht als Repräsentation von Wirklichkeit gesehen, sondern behauptet nur noch, Bild zu sein. Tapies lässt es stofflich bersten, andere heben die Farbe im Weiß auf, Fontana öffnet die Leinwand als Fenster, erweitert den Bildraum in den realen Raum.

?Es war wahrscheinlich nicht schwer, das Krefelder Museum von Ihrem Vorhaben zu überzeugen – zumal die Schau noch an fünf weiteren Orten zu sehen ist?

!Ja und Nein. Es sind natürlich die besten Werke, die das Haus verlassen haben. Nur die Renovierung in Krefeld machte solch ein Unternehmen möglich. In keiner anderen Situation hätten die Stücke gleichzeitig die Stadt verlassen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

Fahrradkauf in Zeiten von Corona

So kaufen Sie Neuwagen online

So kaufen Sie Neuwagen online

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Im "Sterngebirge" das alte Portugal entdecken

Was uns Souvenirs in Corona-Zeiten bedeuten

Was uns Souvenirs in Corona-Zeiten bedeuten

Meistgelesene Artikel

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Rammstein-Video feierte spektakuläre Premiere - Jetzt ist der komplette Clip online zu sehen

Dynamisches Brodeln

Dynamisches Brodeln

„Kostet Überwindung“

„Kostet Überwindung“

Seuche oder Tyrannei

Seuche oder Tyrannei

Kommentare