„So war‘s bei uns, und das war scheiße“: Auf der „Wilden Bühne“ in Bremen reden ehemalige Drogenabhängige Klartext

Verdammt cool gescheitert

Bruch mit der Lebenslüge: Die „Wilde Bühne“ verunsichert ihr junges Publikum.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Felix hat noch kein Wort gesprochen, da zeigt sich, dass er stottert. Die Art wie er sich von seinem Platz erhebt, der ängstliche Blick zum Lehrer, überhaupt seine ganze unsichere, verstörte Erscheinung: Wer so sein Referat beginnt, dem wird es schon bald die Sprache verschlagen. „Aus meiner Sicht ist es zu einfach, das Motiv in einer psy…, psy…, psychi…“ – „Uaahahaha!“ erschallt es da im Klassenzimmer. „Is‘ ja der Hammer ey!“, ruft der coole Jimmy in der ersten Reihe: „Psy, psy, psychi! Das dauert ja ewig bei dem!“

Felix heißt René und ist seit einem Jahr Mitglied der „Wilden Bühne“, ein 2004 gegründetes Ensemble, das nun im Bremer Buntentorsteinweg endlich ein eigenes Büro bezieht. Am kommenden Mittwoch (14 Uhr) wird es feierlich eröffnet.

Woher die Truppe ihren Namen hat, lässt sich leicht erahnen. Lassen sich doch die Schauspieler mit gutem Recht als wilde Jungs beschreiben: Tätowierungen und Piercings, wohin das Auge blickt. Wer hier mitspielt, hat eine Karriere als Drogenjunkie hinter sich. René ist seit drei Jahren clean. Ganz aufgewacht aber ist er noch nicht. „Es ist immer noch wie ein tägliches Wacherwerden“, beschreibt er das Leben ohne Drogen. Mit seiner Rolle als Felix in „17½ Minuten kalte Wut“ verarbeitet er auf der Bühne des Bremer Schnürschuh-Theaters sein eigenes Schicksal: Mobbingopfer in der Schule. Im Publikum: Bremer Schulklassen.

„Da is‘ ja wieder unser Stotterer“, ruft Jimmy kurz darauf im Klassenraum. Und während sein Kumpel Mark den „Stotterer“ festhält, stülpt Jimmy diesem den Mülleimer über den Kopf, grölt: „Ein Felix steht im Dunkeln und stottert rum!“ Gelächter in der Klasse. Und: im Zuschauerraum des Theaters. Im Zuschauerraum?

Später, beim Gespräch mit den Jugendlichen, berichtet René von seinen realen Erfahrungen. Davon, dass er eines Tages mit seinem Kopf in der Kloschüssel gelandet sei. Verletzt habe ihn dabei vor allem eines: dass die halbe Klasse dabei zugeschaut habe. Tatenlos. Wieder ist aus den hinteren Reihen Gekicher zu hören, und jetzt beginnt man zu ahnen, wer sich da so herzlich amüsiert. Es ist das Lachen der Verunsicherung, der verschämte Versuch, die offenkundige Enttarnung zu vertuschen. Wer da lacht, fühlt sich ertappt: Bremer Jimmys und Marks, die nicht recht wissen, wie sie ihren Felixen nach dieser Veranstaltung noch in die Augen blicken sollen.

Auf der Bühne zeigt sich bald, welch trauriges Schicksal solchen Wortführern beschieden ist. Zuhause nämlich erwartet Mark ein trinkender Vater, der ihm Prügel androht. „Darf ich auf mein Zimmer gehen?“, flüstert der Junge ängstlich. „Jetzt reicht‘s!“, brüllt da der Papa und packt seinen Sohn am Genick. „Bitte nicht, Papa!“, ruft der: „Bitte nicht!“

Felix flüchtet sich derweil gemeinsam mit dem zweiten Mobbing-Opfer Paul in eine Fantasiewelt. Darin ballern sie in Manier der Columbine-Amokläufer ihre Peiniger nieder. Paul wird seine Pläne am Ende in die Tat umsetzen: siebzehneinhalb Minuten der kalten Wut. Für Felix bleibt es nur ein Spiel – wie damals für seinen Darsteller René.

„Natürlich hatte ich auch Gewaltfantasien entwickelt“, sagt René. Und dass er sie nicht ausgelebt habe, könnte auch bloß der schlichten Tatsache zu verdanken sein, dass es seinerzeit dafür noch keine Vorbilder gab: „Columbine war damals noch weit weg.“ Wie es ihm denn dann gelungen sei, die Demütigungen zu verarbeiten, will eine Schülerin wissen. Ganz einfach, sagt René: Er habe selbst ausgeteilt. An anderer Stelle. Denn wer gemobbt wird, mobbt weiter, ob dies zuhause geschieht wie bei Mark oder in der Schule wie bei Felix.

Es sind verdammt coole Typen, die da in eindrucksvoller Offenheit über ihr Leben berichten. Männer mit Drogenkarrieren, Vorstrafenregistern, Muskeln und Tätowierungen – Leute, die sich so mancher Halbstarker im Publikum insgeheim zum Vorbild nehmen dürfte. Sie sitzen da, erzählen von verkorksten Lebensläufen, von Sackgassen und Momenten der Verzweiflung. Ihre Earplugs und Piercings: Sie sind nicht einmal mehr Fassade für die raue Schale, sondern bloß noch Spielerei.

Axel etwa, der eben noch Jimmy war, berichtet von dem Tag, an dem ihm sein Arzt noch zwei Jahre Lebenszeit in Aussicht stellte. „Ich hatte keine Ausbildung, war seit 25 Jahren drogenabhängig, vorbestraft und schwer krank. Mehrere Leute wollten mich umbringen, und die nächste Schlägerei hätte vielleicht meinen Tod bedeutet.“ Es ist eine schonungslose Analyse, die er mit beeindruckender Eloquenz vor den Schülern ausbreitet.

Der Bruch mit der Lebenslüge, der Entschluss, sich der Wahrheit zu stellen, das Selbstbewusstsein, mit dieser Geschichte die Bühne zu betreten: Das alles erscheint als gewaltige Charakterleistung. Sein Leben, sagt Axel, sei bis zum Entzug „einfach nix“ gewesen. „Wir können euch nur sagen: So war‘s bei uns“, fügt René hinzu: „Und das war scheiße.“

Im Grunde genommen, sagt Christian, der auf der Bühne noch Paul war, laufe das Gewaltproblem doch immer aufs Gleiche hinaus: Wer Gewalt ausübe, gelte in Schulen immer noch als cool. Dabei sei er doch vor allem eines: ein armer Trottel. Lautstarker Beifall. Von den Jimmys im Publikum lacht da keiner mehr.

Büroeröffnung im Buntentorsteinweg 38: am Mittwoch, 3. Februar, um 14 Uhr.

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