„Geld – her damit“: Andreas Sauter und Bernhard Studlar verzweifeln in Oldenburg an der Finanzkrise

Vater werden? Zehn Punkte!

Gute Zeiten für Max (Bernhard Hackmann, l.), schlechte für Frank (Klaas Schramm, r.): Der eine hat noch seinen Job, der andere sucht nach einem Buchthema.

Von Johannes BruggaierOLDENBURG (Eig. Ber.) · Geht es nach Andreas Sauter und Bernhard Studlar, gibt es zur viel gescholtenen Wirtschaftsordnung durchaus eine Alternative. Das bedingungslose Grundeinkommen halten die beiden Autoren zumindest für „eine Idee“, die man „verfolgen“ solle. „Einen Versuch“, bekennen sie in einem Interview, sei es „auf jeden Fall wert“.

Nun dürfte den meisten Bürgern die Lust an „Versuchen“ jeglicher Art vergangen sein. Und es gibt gute Gründe dafür, dass Dramendichter zwar politische Diskurse befruchten, ihr Einfluss auf konkrete Entscheidungen aber begrenzt bleibt. In Oldenburg beschränkte sich der Kommentar des Autorenduos auf eine rein ästhetische Ebene. Im Auftrag des Staatstheaters haben Sauter und Studlar ein Stück zur Finanzkrise geschrieben. „Geld – her damit“ hatte nun im kleinen Haus Premiere, inszeniert von K.D. Schmidt.

Die Rückwand des kargen Guckkastens aus Holz ist mit zwei Fenstern versehen. Aus der winterlichen Dunkelheit blickt ein Rudel Wölfe hinein. Keine Angst: Die tun nichts, die bleiben draußen. Aber unheimlich sind sie schon. Denn erstens dokumentiert ihre Anwesenheit, dass die Tage kälter und die Zeiten härter werden. Zweitens erinnern sie daran, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist – eine Einsicht, die in den folgenden zweieinhalb Stunden ihre szenische Bestätigung finden soll.

Max (Bernhard Hackmann) ist Küchenfachverkäufer bei Ikea: gutmütig, gut gelaunt und einigermaßen gut situiert, solange er seinen Job behält. Doch damit sieht es schlecht aus, unterlaufen ihm doch bei den Verkaufsgesprächen jede Menge Fehler. „Auf einer Skala von eins bis zehn: Wie würden Sie da Ihre Sachkompetenz einschätzen, Melzer?“, schnarrt ihn sein Chef (Thomas Birklein) an. Na ja, stammelt Max. So um die zehn Punkte? Aha, antwortet der Chef und konfrontiert den Familienvater dann mal gleich mit den Realitäten: „Im Vergleich mit Ihren Kollegen liegen sie im unteren Drittel des unteren Drittels!“

Während bei Max die Katastrophe absehbar ist, wähnt sich Anwalt Fritz (Klaas Schramm) noch auf der Sonnenseite des Lebens. Zwar werden bekanntlich die Zeiten härter. Immerhin aber kann er zwischen zwei lukrativen Aufträgen wählen. Die Angehörigen eines tödlich verunglückten Skifahrers möchten ihm ebenso das Mandat erteilen wie Familie Holm, für deren Tochter ein Ehevertrag auszuhandeln ist. „Warum machst du nicht beides?“, fragt ihn seine Frau Evelyn (Eva-Maria Pichler). Beides? Warum denn? Jeden Tag lese sie „diese furchtbaren Nachrichten über die Finanzkrise“, erklärt Evelyn mit leicht hysterischer Stimme. Jeden Tag fürchte sie, „dass es uns auch erwischt“: „Aber gut, ich meine, wenn es hart auf hart geht, verkaufen wir eben den Range Rover. Oder?“

Dann ist da noch der reiche Kunstsammler (Jens Ochlast), der sich in seiner Rolle als Sponsor eines unbekannten Malers gefällt, während die ukrainische Ehefrau (Caroline Nagel) das Geld im Casino verzockt. Die arme Frau Hofrichter (Gaby Pochert) friert sich in ihrer Wohnung zu Tode, obgleich auf ihren Sparbüchern 72 000 Euro liegen. Ihre Tochter Sarah (Eva-Maria Pichler) muss davon ihren Pflichtteil einklagen, weil im Testament der alten Frau bloß von einem Katzenasyl die Rede ist.

Wenn die Anzahl der Figuren den Gesamtkader eines durchschnittlichen Fußballbundesligisten übersteigt und der Szenenwechsel schneller erfolgt als bei MTV, ist gemeinhin von einem „Kaleidoskop“ oder wahlweise einem „Panoptikum“ die Rede. Auf „Geld – her damit“ trifft laut Programmheft gleich beides zu. In seiner Funktion als Kaleidoskop porträtiere das Stück „unsere Gesellschaft in der heutigen Wirtschaftskrise“. Als Panoptikum hingegen zeige es das alltägliche Überleben.

Es ist gegen diese Beschreibung nichts einzuwenden. Bloß: Um unsere Gesellschaft kennenzulernen, genügt es, sich in selbiger mit offenen Augen zu bewegen. Und die Umstände des alltäglichen Überlebens sind jedem wohlbekannt. Für erhellende Einblicke, mögliche Erklärungen aber entwickeln Sauter und Studlar keine Strategie.

Indem sich die zunächst isoliert stehenden Szenen allmählich miteinander verknüpfen und manche überraschende Wendung eintritt, gelingt immerhin eine passable Unterhaltsamkeit. Am Ende lässt sich der Range Rover eben nicht mehr verkaufen, weil ihn zuvor die Einbrecher mitgehen ließen. Und Ex-Ikea-Verkäufer Max kann auf existenzielle Fragen wie die nach einer Erweiterung seiner Familie nur noch mit „äh, zehn Punkte“ antworten.

Dass diese Pointen überhaupt wirken, ist allerdings den eindrucksvollen Darstellerleistungen zu verdanken: einem Ensemble, das sich jederzeit zur szenischen Handschrift seines Regisseurs K.D. Schmidt bekennt. Wie Eva-Maria Pichler es versteht, die fest im Leben verankerte Stewardess einerseits und die hysterisch verängstigte Anwaltsgattin andererseits gleichermaßen authentisch zu interpretieren, ist bemerkenswert. Zu überzeugen vermag auch Klaas Schramm, der als Anwalt, Autor, Maler und Postkunde annähernd sämtliche Facetten der bürgerlichen Existenz auslotet – und dabei zeigt, dass die Unterschiede zwischen diesen Wirklichkeiten und dem Leben als Callboy kleiner sind als vielfach angenommen. Einzig Gaby Pochert verfällt allzu oft dem Klischee ihrer jeweiligen Figur, karikiert die Textvorlage damit mehr als sie zu interpretieren.

Übrig bleibt die Verwunderung darüber, wie selbst aus einem weitgehend substanzlosen Text ein annehmbarer Theaterabend entstehen kann. Es ist am Oldenburgischen Staatstheater offenbar gleichgültig, wer den Text liefert. Solange nur K.D. Schmidt für die Umsetzung sorgt.

Weitere Vorstellungen von „Geld – her damit“: am 27. November sowie am 11. Dezember, jeweils um 20 Uhr im kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters.

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