Vage Vorurteile, gute Zahlen

Bremer Bürgerschaft diskutiert über das Theater

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Das Theater am Goetheplatz braucht laut Bremer Kulturstaatsrätin Möglichkeiten zum Experiment.

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Eine große Befragung des Bremer Theaterpublikums findet in näherer Zukunft nicht statt. Darauf hat sich eine deutliche Mehrheit der Abgeordneten am Dienstagabend in der Stadtbürgerschaft verständigt. Auf den ersten Blick überrascht, wie emotional die Parlamentsdebatte geführt wurde. Es klang doch erst mal wie ein Dienst an der Kunst, den sich die CDU ausgedacht hatte: Man wolle dem „Theater ein besseres Bild über sein Publikum verschaffen“, so der abgeschmetterte Antrag, das Ergebnis hätte eine „wesentlich Grundlage“ sein sollen für die „zukünftige Arbeit des Theaters“. Und dagegen wäre wohl auch kaum etwas zu sagen, würde nicht dieser Vorwurf mitschwingen: Im Moment macht das Theater schlechte Arbeit.

Es war ein Streit mit Ansage. Bereits im vergangenen Sommer hatte CDU-Kulturpolitiker Claas Rohmeyer eine große Senatsanfrage auf den Weg gebracht. Wie haben sich die Besucherzahlen entwickelt? Was sind es für Menschen, die da kommen? Und wer hat für seine Karten eigentlich den vollen Preis bezahlt? Nun ist es politisches Tagesgeschäft, Anfragen zu stellen, deren Antwort man bereits kennt - oder bei denen man doch wenigstens eine Ahnung von einem schwelenden Missstand hat.

Hier allerdings war die Antwort dann doch eine Bestätigung des Stadttheaters und seines Intendanten Michael Börgerding. Das rund 30-seitige Papier bedeutet kurz gesagt: alles okay mit einer Tendenz zu richtig gut. Die Zuschauerzahlen sind über die vergangenen fünf Spielzeiten kontinuierlich gestiegen, von knapp 157.000 auf zuletzt rund 185.000.

Höhere Besucherzahlen in der Vergangenheit ließen dadurch erklären, dass vor zehn Jahren noch die Seebühne und das Musicaltheater bespielt wurden. Das Ergebnis waren allerdings „rote Zahlen, wie wir sie sonst noch nie hatten“, sagt Arno Gottschalk (SPD) und attestiert dem Theater, es sei heute nicht nur auf einem guten, sondern „auch auf einem nachhaltigen Weg“.

„Räume, die der Kommerz nicht schafft“

Auch Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (SPD) freut sich über die Zahlen, sieht die Aufgabe des Theaters aber noch woanders: „Es geht um Räume, die der Kommerz nicht schafft“, so Emigholz, um moralische Fragen, eine Plattform der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Dafür brauche das Theater Freiheit und Möglichkeiten zum Experiment. Es sei Intendant Börgerding gelungen, „die besten und interessantesten Regisseure und Schauspieltalente nach Bremen zu holen“ - Leute, die Lust auf das Bremer Theater haben, obwohl sie „woanders besser bezahlt werden“.

Überhaupt konnten sich Intendant Börgerding und Michael Helmbold, kaufmännischer Geschäftsführer des Theaters, auf der Zuschauertribüne des Parlaments entspannt zurücklehnen: SPD, Grüne, Linke und FDP überboten sich mit Danksagungen.

Um die Zahlen ging es der CDU und Claas Rohmeyer allerdings wohl nur am Rande. Die Antwort auf die eigene Anfrage kam in Rohmeyers Beiträgen kaum vor, dafür zwischen den Zeilen das, was er vorab im „Weser Kurier“ bemängelt hatte: eine „Verkopfung“ der Stücke durch die „deutlich intellektuellere Herangehensweise auch an das klassische Repertoire“.

Michael Börgerding darf sich über Dank aus der Politik freuen.

Auf Grundlage der abgefragten Zahlen ließ sich darüber nicht diskutieren. Miriam Strunge von der Linken nannte Rohmeyers Kritik, „einen harten Vorwurf, den Sie einfach mal so in den Raum stellen, ohne dafür auch nur einen Beleg zu haben“. Auch aus anderen Fraktionen wurde der Vorwurf laut, Rohmeyer würde ein vages Vorurteil ins Parlament tragen - und das betrifft auch die Publikumsbefragung. Rohmeyer hoffe nach dem Ergebnis der Anfrage, vermutete Arno Gottschalk, dasss „bei einer Publikumsbefragung irgendetwas herauskommt, was Sie hochjazzen können“. Und das sei „eine zu teure Unterstützung für einen Abgeordneten.“ Rohmeyer verwies seinerseits auf das Oldenburgische Staatstheater, das eine groß angelegte Befragung durchgeführt hat. Tatsächlich hat man sich hier dem Publikum ungewöhnlich weit geöffnet. Im Projekt „O. - Eine Stadt sucht ein Drama“ konnten die Oldenburger eine Inszenierung für die kommende Spielzeit wählen und im Dezember auf einer eigens ausgerichtet Konferenz diskutieren. Ein Experiment, das offenbar gut läuft - angestoßen aus künstlerischen Überlegungen zur Öffnung.

Sollte das Bremer Theater um Unterstützung für ähnliche Projekte bitten, könne man gerne darüber sprechen, sagte Nima Pirooznia von den Grünen. Aber nicht, weil „der Kollege Rohmeyer von außen Tipps und Tricks verrät, wie man ein modernes Theater führt.“ Pirooznia sieht die Freiheit der Kunst in Gefahr, wenn Politik sich in die Programme der Theater einmischt. Man habe die Rahmenbedingungen zu gestalten, nicht Inszenierungen und ihre Ausrichtung zu kritisieren. Rohmeyer wehrte sich gleich zu Anfang gegen den Vorwurf: Für die Kunstfreiheit müsse man eintreten, sagte er, gerade wo die AfD es sich zur „Aufgabe macht, die Theater zunehmend unter Druck zu setzen und mit Anzeigen zu überziehen.“ Es gehe ihm um die breite Bevölkerung, die mit dem aktuellen Programm zu wenig anfangen könnte, so Rohmeyer. Die Fronten, die er meint: „Ich würde mir wünschen, dass mehr als ein linksliberales Viertelpublikum vom Theater angesprochen wird.“

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