Kanadisches Hardcore-Trio

Urdemokratisch und einstimmig: „Nomeansno“ im Bremer Schlachthof

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Sind noch nicht Geschichte: Tom Holliston und die Brüder Wright (Rob und John, v.l.n.r.).

Bremen - Tim Schomacker. Warum eigentlich springt einem bei der einen Musik so deutlich ins Auge, wenn die, die das tun graue Haare haben? Und bei anderer Musik nicht? Peter Brötzmann, zum Beispiel.

Wurde letztes Jahr Siebzig. Sein graues Haar hat der legendäre Freejazz-Saxophonist meist kurz geschoren, dafür trägt er im Bart einiges davon zur Schau. Oder er trägt ihn einfach nur. Jedenfalls verwundert es bei Brötzmann nicht, wenn er mit Siebzig immer noch so genauso kraftvoll-verschlungene Attacken trötet wie einst. Einige Platten mit Aufnahmen diverser Geburtstagskonzerte, die just erschienen sind, belegen das eindrucksvoll. Nicht weniger konsequent gehen die Brüder Rob und John Wright zu Werke, die vor dreieinhalb Jahrzehnten im Kanadischen die Formation Nomeansno gründeten. Auch wenn sie sich – jeweils mit kurzem, hellgrauem Haarschopf versehen, deutlich der offiziellen Pensionsgrenze nähern. Wenn man mit Bass und Schlagzeug auf der Schlachthofbühne (durchaus politisch motivierte) laut-schräge Musik macht, die – aller eingestreuten und auffindbaren Einflüsse verschiedener Jazzepochen zum Trotz – auf Rockmusik fußt. Warum also sieht das anders aus? Vielleicht sollten die Gebrüder Wright mal ein Konzert mit Brötzmann spielen. Selbst wenn es die genannte Frage danach, wie alt man wirkt und warum, nicht beantwortet – es wäre gewiss ein für alle beteiligten gewinnbringendes Unterfangen.

Wer weiß, vielleicht gab es diese Begegnung auch längst. Ich gebe zu, ich bin in der Biographie des kanadischen Harcore-Trios – seit Mitte der Neunziger mit Tom Holliston an der Gitarre – nicht sonderlich textsicher. Was insofern bedeutungsvoll ist, als Nomeansno zu jenen Formationen gehören, die sich mit jahrzehntelanger Beharrlichkeit und einzigartigem musikalischem Gesamtklang eine stabile Basis von (sehr textsicheren) Fans verschafften. Dies andererseits einigermaßen im Schatten des Rockmusikbetriebs vollzog. Was in der Regel dazu führt, dass Nomeansno ihre Konzerte für ausgeprägte Nomeansno-Spezialisten spielen. Und im Bremer Spezialfall dazu, dass ein solches Konzertereignis atmosphärisch durchaus den Charakter eines fröhlichen Familientreffens annimmt, das mit derselben Regelmäßigkeit stattfindet wie Weihnachtsmärchen auf den Stadttheaterspielplan gelangen.

Dem geringfügig neutraleren Beobachter fällt dann auf, dass sich in der gefinkelten musikalischen Mixtur des Trios nicht nur zahlreiche Muster finden lassen, die man jazzgeschichtlich wohl einigermaßen genau auf den Vorabend des Freejazz zu datieren hat, sondern auch, dass die Art und Weise, wie die drei Akteure sich die Songs gesanglich – mal als Chor, dann wieder als in einander greifende Stimmen – aufteilen, ziemlich überraschend an die Beach Boys erinnert. Kommt in diesem Genre ja auch nicht allzu häufig vor.

Beeindruckend ist, wie Nomeansno diverses einbeziehen in ihre musikalische Architektur – zugleich aber selbst bei alten Stücken die Grundlagen ihrer Songs erst zu schaffen scheinen. In dem Moment, wo sie etwas spielen. Und sei es zum 1247. Mal. John Wrights Schlagzeug treibt nicht nur, es führt ein ausgeprägtes Eigenleben, neben dem sich Hollistons oft krachig-klumpendes Gitarrenspiel einrichten kann. Rob Wright schafft es, vertrackte Basslinien zu spielen, ohne dass sie wie schnöde Basslinien klängen. Und ohne, dass sie nach Herzeigen musikalischer Skills ausschauen. Dazu singt er meist kraftvoll, wechselt gelegentlich aber in einen beinahe beatpoetischen Erzählton. Vergnügen bereitet all dies, weil die einzelnen Teile so in einander verzahnt sind, dass sie ohne einander nicht auskommen wollen. Urdemokratisch und einstimmig.

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