Stoffbeutel im Stadtraum, Tafel und Transit: Preechaya Siripanich in der Städtischen Galerie Bremen

Unterwegs sein

Haltestelle als Haus des Stadtwanderers: Preechaya Siripanichs „Kleiner Tempel“.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Ein Teilstück der längsten Galeriewand ist mit leuchtendem Türkis überfasst. Darüber steht in gelben Groß-Buchstaben: „Heute kommt und morgen bleibt“. Ein grüner Stoffbeutel, am ersten Wort baumelnd, stützt lakonisch das Passagen-Motiv des Satzes.

Dem Autor der Arbeit sind Wanderung und Transit bestens vertraut. Preechaya Siripanich, 1973 geboren, hat seine Heimat Thailand vor zehn Jahren verlassen, um an der HfK Bremen Bildhauerei zu studieren. 2006 war er Meisterschüler bei Yuji Takeoka, im vergangenen Jahr wurde er mit dem Bremer Förderpreis für Bildende Kunst ausgezeichnet.

Siripanichs 2009 prämierte Arbeit „Samui“ fasst Reisefieber und touristische Paradiesvorstellungen in eine greifbare, humorige Installation aus Kokospalme, Koffer, Gitarrenhülle plus Farbflächen an Holzgerüsten. Die Urlaubsinsel Koh Samui ist in abstraktes Kulissen-Grün und -Weiß übersetzt, das Fernweh tritt als Bühnencollage mit klischeebehafteten Requisiten auf. Der Konstruktions- und Inszenierungscharakter des Reisebildes wird so fassbar.

Das aktuelle „Heute kommt und morgen bleibt“ gehört zu der Einzelausstellung, mit der die Städtische Galerie Bremen derzeit den Förderpreisträger des Vorjahres präsentiert. Das Grundthema ist geblieben, die Bildsprache ist dichter und abstrakter geworden. Neben Wandmalerei mit Schrift und Beutel trifft der Besucher auf ein Gitter mit Strahlenkranz, das einen schmalen Schatten aus tiefschwarzem Tuch wirft. „Sonnenfinsternis“ heißt das Raum-Objekt. Am Ende der großen Halle zeigt sich die Rückfront einer Holzkonstruktion, irgend etwas zwischen Unterstand, Haltestelle, Tafel und Laufsteg. Weihevollen bis sakralen Charakter mischt ein Kerzenlicht hinzu.

Das Provisorium des Bretterbaus lässt an das mobile Wohnen im Heimatland des Künstlers im besonderen und an das Los globaler Wanderer im allgemeinen denken. Das Laufsteg-Motiv schließt sich hier mit ironischem Unterton an. Besser man hat im Unterwegssein die transzendentale Heimat im Gepäck. Der kleine Reisetempel sorgt zumindest für feste spirituelle Behausung.

Im Rundgang durch die kleine Preisträgerschau von Preechaya Siripanich, bei der sich im zweiten Hinschauen manche Querverbindungen zwischen den drei Arbeiten ziehen lassen, öffnen sich zunehmend thematische Konturen hinter den klaren Formen, Farben und Materialien. Wenn sich auch nicht jedem Besucher das Wandgrün als abstrahierte flüchtige Fassade aus dem Stadtbild erschließen sollte, in Verbindung mit Tasche und Wortbedeutung gewinnen Eindrücke Gestalt, die Passagen durchs Urbane hinterlassen.

Siripanichs Arbeiten wird im Katalog zum Förderpreis der Charakter „modellhafter Situationen“ bescheinigt. So sind Übergang und Zwischenstadium als Elemente des Transitthemas auch in der Werkeigenschaft aufgenommen. Modelle sind „Annäherungen an die Wirklichkeit, Ableitungen aus der Realität. Jeder fertige Modell-Zustand beschreibt nur ein momentanes Loslassen, eine kurzfristige Zufriedenheit, in deren provisorischem Charakter bereits weitere Veränderungen oder Verbesserungsmöglichkeiten eingebaut sind. Exakt jene Befindlichkeit beschreiben die Arbeiten von Preechaya Siripanich.“ (Gregor Jansen)

Die Wandschrift für seine jüngste Arbeit filterte der Bremen-Bangkok-Pendler aus einem Zitat, das Förderpreis-Juror und Katalogautor René Zechlin ins Spiel brachte. Der Soziologe Georg Simmel unterscheidet darin den Fremden vom Wanderer. Während letzterer „heute kommt und morgen geht“, ist der Fremde der, „der heute kommt und morgen bleibt. Dabei ist er „der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat“.

In seinen modellhaften Konstruktionen, Inszenierungen und Situationen macht Siripanich den urbanen Alltag des Unterwegsseins als Wirklichkeit und Möglichkeit, als äußere Lebensform und innere Haltung mit abstrakten und objekhaften Bildmitteln, mit Form und Symbol greifbar. Zwischen Kontinenten, Kulturen und Kunstsprachen unterwegs, ruft er mit kritischem und ironischem Subtext die Mobilität zum Status Quo aus, nicht ohne die Sehnsucht nach Ankommen oder zumindest Ausbalancieren des Pendelschlags mit in den Blick zu rücken.

(Noch bis 18. Juli)

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