In der Schwankhalle Bremen

Untergang und Utopie mit Dietmar Dath

Bremen - Dietmar Dath hat schon wieder ein Buch geschrieben. Weil das ständig passiert, bat das Satire-Magazin „Titanic“ den Schriftsteller vor einer Weile, er möge bitte „nicht schneller Bücher schreiben, als wir sie lesen können“. Geholfen hat das nicht: Da waren diese 688 Seiten „Neptunation“ (S. Fischer Verlag) Ende September, zwei Wochen später Daths Science-Fiction-Genreschau „Niegeschichte“ auf 942 Seiten (Matthes & Seitz Berlin) und jetzt „Du Bist Mir Gleich“ (Golden Press) auf geradezu knackigen 232 Seiten.

Letzteres wird in Bremen heute vorgestellt, zur Eröffnung des Utopia-Filmfestivals in der Schwankhalle. Und das ist stimmig, weil „Du Bist Mir Gleich“ zwar eine Untergangsgeschichte erzählt, dafür aber gleich zwei Utopien enthält: dass Männer still zuhören, wenn Frauen sprechen nämlich – und dass der Nachwuchs in Mathe besser aufpasst.

Tatsächlich lassen sich die zwei Stränge trotz Dath’scher Verstrickungslust einigermaßen sauber trennen. Da ist als Hauptfigur die Wissenschaftsjournalistin Samira, die über ihren Nachruf auf die berühmte Mathematikerin Maryam Mirzakhani in eine Arbeits-, Beziehungs- und Lebenskrise gerät. Zum Zweiten zieht sich eine fortlaufende mathematische Reflexion über den Stand der Weltgeschichte zu Zeiten „sozialer Verdummung“ durch den Text. Dass beides zusammengehöre, schreibt Dath sich als Manifest selbst ins Buch, wofür mal wieder der australische Science-Fiction-Autor Greg Egan herhalten muss.

„Kunstschaffen, in dem man nichts über die Gesetze des Elektromagnetismus, der Schwerkraft und der Quantenmechanik findet“, heißt es mitten im Buch, sei nach Egan, Samira – und bestimmt auch Dath – „auf absurde, auf erbärmliche Weise scheuklappenbelastet und kurzsichtig.“ So schmissig diese Großkotzigkeit klingt, es bleibt die Frage: Warum eigentlich?

Uninteressant ist es nicht, was Dath über die Naturwissenschaften schreibt, über Hexerei und Kapitalismus. Auf den Punkt bringt er das in der These, die exakten Wissenschaften von der Welt würden historisch immer dann „wirr, esoterisch und unanwendbar, wenn die Klasse, die für sie bezahlt, sich die Einrichtung der Welt nach menschlichem Maß nicht zutraut.“ Schön, dass auch Dath bei seiner überschwänglichen Wissenschafterei den Zusammenhang von Macht und Erkenntnis bemerkt. Und trotzdem wäre eigentlich interessant erst, was es mit so einem Selbstvertrauen der Bourgeoisie eigentlich auf sich haben könnte.

Manchmal können auch halbe Gedanken wichtig sein, der Sound ist toll – und Samiras Geschichte sowieso interessant. Nur wo es konkret wird mit der Haltung, tut es manchmal richtig weh. Etwa als Samiras ausgemachter Blödmann von Chef beim Iran sofort an Leichen denken muss, die von Baukränen baumeln. „Ja, das war die islamische Revolution“ lässt Dath seine Samira dann grübeln und zum Schluss kommen, dass bürgerliche Revolution und ursprüngliche Akkumulation des Kapitals nicht weniger blutig waren. Im Kapitalismus ist es schwierig mit der Moral, so weit stimmt das ja, und man könnte es so stehen lassen, wäre diese islamische Revolution wirklich vorbei und hingen heute nicht homosexuelle Jugendliche am Kran. Bis dahin gilt: Man muss auch einem Dath nicht alles glauben, nur weil es Hirnschmalz gekostet hat, ihn überhaupt erst mal zu verstehen.

Termine

Lesung mit Dietmar Dath: Montag, 20.30 Uhr, Schwankhalle.

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