Unter der Straßenlaterne

Junge Akteure des Theater Bremen beschäftigen sich mit Transsexualität

Zunehmend aggressiv: John (Hale Richter) kann mit Chris‘ Identität nichts anfangen.

Bremen - Von Katia Backhaus. Straßenlaternen sind die Scheinwerfer, die das Heranwachsen beleuchten. Unter ihnen wird zum ersten Mal geküsst, sie werden zum Halt in nicht mehr nüchternen Stunden. Jugendliche sitzen nicht unter Kronleuchtern oder Neonröhren, ihre prägenden Momente erleben sie unter Straßenlaternen. Dort wird ausgehandelt, was normal ist, wer dazugehört und wer nicht. Im Schein eines solchen Masts spielen die Jungen Akteure des Theater Bremen das Stück „BOY“, das in seiner schonungslosen Erzählung noch eine andere Facette dieser schummrigen Beleuchtung offenlegt: die Brutalität des Heranwachsens.

Sie sind zu fünft, eine Clique in einem Ort, in dem nicht viel los ist. Alkohol, Kneipenabende, ein paar Joints und die immergleichen Gesichter, das ist das Leben des Geschwisterpaars John und Michelle, von Candy, Tom und Lana (stark: Geraldine Rummel), die zwar toll singen kann und von etwas anderem träumt, aber genau so im dumpfen Trott steckt wie ihre Freunde. Chris (famos: Anna Leira van Poppel) bringt neuen Schwung in die Gruppe, der schmale, dunkelhaarige Chris, der eines Tages in der Kneipe auftaucht und den die Clique noch am selben Abend auf eine Party mitnimmt. Chris, der einfach nett ist, Chris, der Lanas Gesang mag - und mit John und Tom Bier trinkt und über Frauen redet.

Die Bühne, in der Mitte von einer Straßenlaterne in gelbliches Licht getaucht, rechts und links von einem Schlagzeug flankiert, gewinnt durch die Selfie-Videos, die die jungen Schauspieler mit den Handys von den Szenen machen, eine moderne Dimension. Doch die gezeigte Geschichte ist 25 Jahre her: Brandon Teena, ein junger Trans-Mann aus den USA, wird von zwei gleichaltrigen Freunden vergewaltigt und später ermordet, weil sie entdecken, dass Brandon als Mädchen geboren wurde, aber als Mann leben wollte. Der Film „Boys don’t cry“ greift den Fall 1999 auf, die Jungen Akteure und Regisseurin Christiane Renziehausen haben sich seit Oktober mit dem Stoff beschäftigt und am Samstagabend Premiere im Brauhauskeller gefeiert.

Das Stück verfolgt also einen bekannten roten Faden, auch die Gruppendynamik ist keine ungewöhnliche: Die Aufnahme von Chris in die Clique, exzessive Partys, eine vorsichtige Annäherung zwischen Lana und dem neuen Freund - und schließlich die cholerische Eifersucht von John (expressiv: Hale Richter), der sich als Kopf und Held der Gruppe versteht sowie aus einer früheren Liebelei ein gewisses Anrecht auf Lanas Zuneigung ableitet.

Er lebt, wie sie singt: Chris (Anna Leira van Poppel, r.) und Lana (Geraldine Rummel) kommen sich näher. Fotos: Jörg Landsberg

Die Mittel jedoch, mit denen die Jungen Akteure diesen Stoff aufführen, sind kreativ und beleben damit die schlichte Bühne, die so ohne jeglichen Umbau auskommt. Neben den Live-Videos sind es besonders die Schlagzeug- und Gesangseinlagen, die Atmosphäre schaffen und zugleich vom Talent der Nachwuchsschauspieler zeugen.

Die Dialoge mäandern dabei zwischen jugendlichem Gruppenslang, der das junge Publikum spürbar anspricht, ernsteren Dialogen und einer eher nüchternen Erzählung des Geschehens, in der Chris von sich selbst in der dritten Person spricht. Eine leichte Irritation kommt mit Blick auf das Alter der Jugendlichen auf der Bühne und das ihrer Rollen auf: Ist Tom in seinem Jurassic-Park-Pulli wirklich 21 Jahre alt, scheint Lana, in Netzstrumpfhose und Lederimitatjacke, erwachsen genug für die Arbeit in einer Zeitarbeitsfirma?

Doch zugleich ist Chris so überzeugend in seiner Entscheidung, als Mann leben zu wollen, den Namen und die Identität von Christiane abzulegen, als die ihn seine Eltern auf die Welt gebracht haben, das er kaum noch ein Schüler sein kann. Johns Ekel vor Chris’ Bruch mit den festgelegten Geschlechterrollen, den er als pervers empfindet betont ein seit Jahren geltendes Mantra. „John passt auf dich auf“, der anfangs als freundlich empfundene Satz, wird am Ende des Stücks für Lana unverständlich - „ich wüsste nicht, wovor du mich beschützen solltest“ - und schließlich zum Mordmotiv.

Schlussendlich scheint das Licht der Straßenlaterne für die Erniedrigung fast zu grell, zu unbarmherzig für den gebrochenen Menschen, der nur noch im entblößenden Unterhemd auf der Bühne kauert. Bei diesem Anblick ist die Frage nicht mehr, welches Geschlecht diese Person hat, sondern ob sie wieder Mensch sein kann. „Red, bright red, might be blood“, der Gesang über rote Tropfen, die vor mehr als 25 Jahren die Wand eines Schlafzimmers in Nebraska herunterrannen, beschließen einen tief eindrücklichen Theaterabend.

Zum Angucken

12., 15., 16., 17., 20, 23., 24. Februar, immer um 19 Uhr im Brauhauskeller.

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