Wortmetz in der Heide: Zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt

Von unten flüstert‘s zärtlich

+
Unzugänglich als Mensch, elitär als Dichter: Arno Schmidt mit seinem Zettelkasten um 1955. ·

Celle - Er galt als schwieriger Zeitgenosse: unzugänglich als Mensch, elitär als Dichter. „Ein verschämter Romantiker, aus Enttäuschung rabiat und böse geworden“, urteilt der Literaturwissenschaftler Jörg Drews über Arno Schmidt, der vor 100 Jahren, am 18. Januar 1914, in Hamburg geboren wurde.

Schmidt macht es seinen Lesern nicht leicht. Seine Texte sind durchflochten von gelehrten Zitaten und Anspielungen auf die Weltliteratur, seine extravaganten Schriftbilder verursachten seinen Verlegern Kopfzerbrechen. Dennoch fand sich eine begeisterte Gemeinde, der es noch heute Spaß macht, seine Erzählungen und Romane zu entschlüsseln. „Molière der Deutschen“ nannte ihn einmal sein Schriftstellerkollege Christoph Hein.

Schon mit drei Jahren lernte der Sohn eines Polizeioberwachtmeisters gemeinsam mit seiner älteren Schwester Luzie lesen. In der engen Zweizimmerwohnung der Eltern entdeckte er die Weite der Welt bei Jules Verne und Karl May. Beide Autoren wurden zu prägenden Vorbildern: Der Einfluss von Verne lässt sich in den utopischen Romanen „Die Gelehrtenrepublik“ (1957) und „Die Schule der Atheisten“ (1972) nicht verleugnen. Und über May verfasste Schmidt 1963 eine tiefenpsychologische Studie mit dem Titel „Sitara oder der Weg dorthin“.

Nach dem Tod des Vaters 1928 zog Arno Schmidts Mutter Clara mit den Kindern ins Haus ihrer Mutter ins schlesische Lauban. Arno Schmidt machte Abitur und wurde nach einer kaufmännischen Ausbildung als Lagerbuchhalter in den Greiffwerken übernommen, der damals größten ostdeutschen Textilfabrik. Hier lernte er die Sekretärin Alice Murawski kennen, die er 1937 heiratete. Die Hochzeitsreise ging nach London.

1940 wurde Schmidt zur Artillerie ins Elsass eingezogen, 1942 nach Norwegen geschickt. Er arbeitete hinter der Front in der Schreibstube und berechnete nebenbei zehnstellige Logarithmentafeln. Zudem verfasste er Feenmärchen im Ton der Romantik. Als die Sowjetarmee Anfang 1945 näher rückte, half er seiner Frau bei der Flucht.

Im April 1945 stellte sich Schmidt an der Nordwestfront den Engländern. Die Kriegserfahrungen machten ihn für den Rest seines Lebens zu einem radikalen Kriegsgegner. Sie schlugen sich auch in seinen frühen Erzählungen nieder, die Anfang der fünfziger Jahre erschienen: „Brand s Haide“, „Die Umsiedler“ und „Aus dem Leben eines Fauns“. Für sein erstes Buch „Leviathan“ (1949) hatte er bereits 1950 den Großen Akademie-Preis für Literatur der Mainzer Akademie für Wissenschaft und Literatur erhalten.

Das Preisgeld von 2 000 Mark half ihm zunächst aus dem Gröbsten heraus. Seit 1946 lebte er mit seiner Frau in Cordingen nahe Fallingbostel, wo er den Engländern als Dolmetscher gedient hatte. Als er arbeitslos wurde, beschloss er, als freier Schriftsteller zu leben – im armen Nachkriegsdeutschland bedeutete das für Schmidt eine Phase extremer Finanzknappheit. Als Preisträger konnte er später dann mit Übersetzungen und mit literaturhistorischen Dialogen beim Rundfunk Geld verdienen.

Ende 1950 kamen die Schmidts zunächst in die Nähe von Mainz, dann nach Kastel an der Saar. Von dort zog der Autor 1955 Hals über Kopf weg, weil er mit seiner Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ über eine erotische Begegnung des Ich-Erzählers angeeckt war. Ein Prozess wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften drohte ihm.

Freunde von der Künstlervereinigung Neue Darmstädter Sezession holten ihn zu sich, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung entlastete ihn mit einem Gutachten. Doch Schmidt hatte die Heide lieben gelernt. 1958 kaufte er ein Holzhäuschen in Bargfeld im Kreis Celle, wo er bis zum Lebensende von morgens um vier Uhr an seinen Texten meißelte. Hier entstanden die Erzählung „Kühe in Halbtrauer“, der Roman „Kaff auch Mare Crisium“, das kauzige Alterswerk „Abend mit Goldrand“ und Schmidts Hauptwerk „Zettel‘s Traum“ aus dem Jahr 1970: 1 334 Seiten, geschrieben in dreispaltigem DIN-A-3-Format und eigenwilliger Rechtschreibung und Zeichensetzung: zweideutig-freudianisches „Schalks=Esperanto“, wie er es selbst nannte. Schmidt versuchte, Sigmund Freuds psychoanalytische Methoden auf die Literatur zu übertragen: Worte haben Mehrfachbedeutungen und drücken durch klangliche Assoziationen auch unbewusste Gedanken des Autors mit aus. Das Ergebnis ist nur schwer zu lesen: „Der B=Filosof schwärmt englisch vom Großn=Ganzn - : The Whole ! - von unten flüstert s zärtlich : hole - -“. / („Das Loch? -“übersetzte Fr nachdenksamig;“

Nur wenige Erwählte wurden zu ihm vorgelassen. „Das Verlässlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten mit Sauerkraut“, urteilte der Hausherr. Nach einem Schlaganfall starb er am 3. Juni 1979 in Celle. In seinen letzten zwei Lebensjahren hatte er in Jan Philipp Reemtsma einen großzügigen Mäzen bekommen, der 1981 die Arno Schmidt Stiftung gründete. Reemtsma fand auch einen Verlag für die Bargfelder Ausgabe der gesammelten Werke des Autors, den Suhrkamp-Verlag. Schon Schriftstellerkollege Alfred Andersch hatte über Arno Schmidt gesagt: „Ihn zu verlegen, ist einfach ein Ruhmesblatt.“ · epd

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Immer mehr Gegenwind für Windkraftpläne der Bundesregierung

Immer mehr Gegenwind für Windkraftpläne der Bundesregierung

Wie fahrradfreundlich ist Deutschland?

Wie fahrradfreundlich ist Deutschland?

Wer hat die Ermittlungen zu Amri vor dem Anschlag abgewürgt?

Wer hat die Ermittlungen zu Amri vor dem Anschlag abgewürgt?

Föhnsturm fegt über Garmisch-Partenkirchen - Bilder von den Schäden

Föhnsturm fegt über Garmisch-Partenkirchen - Bilder von den Schäden

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Ihrer Zeit voraus

Ihrer Zeit voraus

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Kommentare