„Die Fledermaus“ feiert Premiere am Stadttheater Bremerhaven

Unsittliche Sitten

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Moral und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kommen an ihre Grenzen: Tobias Haaks (Gabriel von Eisenstein), Inga-Britt Andersson (Rosalinde), im Hintergrund: Opernchor. 

Bremerhaven - Von Rolf Stein. In der Seestadt ist’s so Sitte, dass am ersten Weihnachtsfeiertag Premiere gefeiert wird. Und weil Weihnachten ein Familienfest ist, geht es dabei wiederum meist recht gesittet zu. Insofern ist die „Fledermaus“ von Johann Strauss beinahe schon eine subversive Setzung.

Immerhin geht es in dieser Operette schließlich um die nächtliche Ausschweifung als Gegenpol des bürgerlichen Alltags, der in Roland Hüves neuer Inszenierung am Stadttheater in geradezu erschreckend altbackener Kulisse (Ausstattung: Dorit Lievenbrück) statttfindet.

Hier begegnen wir derweil schon den Brüchen des Idylls: Rosalinde, Gemahlin von Gabriel von Eisenstein, hat einen hartnäckigen Verehrer, den Gesangslehrer Alfred, bei dessen hohem D sie weiche Knie bekommt. Dass sie verheiratet ist, geniert ihn nicht. Eisenstein selbst hätte eigentlich eine mehrtägige Haftstrafe anzutreten, lässt sich aber von der Aussicht auf einen Empfang mit Damen zu gern davon überzeugen, den Rechtsweg ein wenig warten zu lassen.

Das Fest gibt ein gewisser Graf Orlovsky, der zu lachen verlernt hat, sich aber dennoch gern Gäste einlädt, auf dass es vielleicht doch noch gelingen möchte mit dem Gelächter. Er hat Glück. Weil Eisenstein bei einem vorangegangenen Maskenball seinen Freund Falke übel foppte (worauf in Bremerhaven vor der Aufführung schon im Foyer rekurriert wird), rächt jener sich nun bei Orlovskys Fest. Er lässt Eisensteins Frau Rosalinde als maskierte ungarische Gräfin auftreten – die im Laufe des Abends zum Objekt der Begierde ihres Gatten wird und ihn so schließlich der Untreue überführen kann.

Hüves Inszenierung entwickelt dabei vor allem nach der Pause im zweiten Akt Tempo – nachdem im ersten Akt die Grenze schmal ist zwischen klamottigem Slapstick und dessen Karikatur.

Die Wände der guten Stube geben aber schließlich den Blick frei auf das Reich der Nacht: In einem ansprechenden, reizvoll reduzierten Bild werden nicht nur die Grenzen der Moral arg strapaziert, sondern auch die zwischen den Geschlechter verschwimmen zusehends. Was sich schon in der Figur des Orlovsky manifestiert, den Carolin Löffler als spektakulär frisierte androgyne Halbweltgestalt mit großer Präsenz singt und spielt. Und die von ihm initiierte Abendvergnügung bekommt unter anderem dank der beteiligten Ballett-Tänzer (Choreografie: Andrea Danae Kingston) mitreißende Dynamik.

Aber auch die Sänger machen diesen Abend zum Vergnügen. Tobias Haaks als eitler Eisenstein, Vikrant Subramanian als rächender Falke, Inga-Britt Andersson als Rosalinde, Leo Yeun-Ku Chu als Gefängnisdirektor Frank, Daniel Szeili als tölpelhafter Gesangslehrer und nicht zuletzt Alice Fuder als quirliges Stubenmädchen Adele sowie der präzise einstudierte und spielfreudige Chor unter der Leitung von Anna Milukova können ebenso überzeugen wie die Bremerhavener Philharmoniker unter der Leitung von Marc Niemann.

Die komödiantische Einlage zu Beginn des dritten Akts nutzt derweil John Wesley Zielman, Mitglied des Bremerhavener Schauspielensembles, für eine geradezu furiose Darbietung des betrunkenen Gefängniswärters Frosch, bei der er alle Slapstick-Register zieht. Womit er das durchweg angetane Premierenpublikum zu begeistertem Applaus hinreißt.

Weitere Vorstellungen: 12., 14. und 21. Januar, 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven

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