Reizvolles Romandebüt von Phillip Böhm

„Schellenmann“: Unser Befremden über die Welt  

Syke - Von Rolf Stein. Es ist eigentlich immer eher ein gutes Zeichen, wenn man sich bei einem Kunstwerk fragt, welchem Genre man es wohl zuordnen würde. Denn wo Kategorien nicht passen, entsteht womöglich etwas Neues, zumindest aber Originelles. Ist beispielsweise „Schellenmann“ von Philipp Böhm, erschienen im Berliner Verbrecher Verlag, ein dystopischer Roman, ein Werk zum Klimawandel? Ist es eine Art Entwicklungsroman über einen, den es durch nicht näher bekannte Umstände in eine nicht näher bekannte Kleinstadt verschlägt, wo er sich mit allerlei skurrilen Gestalten herumschlagen muss? Vielleicht ist es aber auch ein Gruselroman? Es geistert schließlich eine geheimnisvoll bedrohliche Gestalt in ihm umher, von der das Buch seinen Namen hat.

Es geht – so viel scheint deutlich – um das Heranwachsen, die Sozialisierung per Lohnarbeit. Es spielt aber auch ein immer länger werdender Sommer eine Rolle, der dramatische Wirkungen auf Land und Leute zeitigt, dass man glatt an den vergangenen denken muss und an die viel beschworene Ökokalypse. Da fallen Eichhörnchen tot von den Bäumen und Kühe verenden elend an mysteriösen Seuchen. Die Produktion in der Fabrik, in der auch Jakob arbeitet, geht weiter. Was dort allerdings hergestellt wird, ist unklar. Und unklar ist auch, an welchen Orten das alles spielt, wobei jene allerdings von einigermaßen universeller Tristesse sind. Dass ein Schellenmann eine Rolle spielt, wird Menschen weniger rätselhaft vorkommen, in deren Region Kirmes gefeiert wird, aber ob der Schellenmann in „Schellenmann“ eigentlich ein Kirmes-Schellenmann ist – das bleibt uns schließlich verborgen.

Wie übrigens Jakob auch nicht recht schlau draus wird, der sich, in der geheimnisvoll profanen Welt des Dorfs und der Fabrik zurechtfinden muss. Von seinen Mitmenschen hat er dabei nicht unbedingt viel zu erwarten. Außer vielleicht von Hartmann, der auch in der Fabrik arbeitet und kein Fremder in dieser Welt ist, die – gleich einer Fata Morgana – so nah und doch so fern scheint. Hartmann geht allerdings bald auf eine große Reise in die echte Ferne und taucht unter, als er wieder zurück ist.

Vielen der Kollegen scheint er von seinen Erlebnissen erzählt zu haben. Nur Jakob nicht. Und was er den Vielen erzählt hat, fügt sich keineswegs zu einem eindeutigen Bild zusammen. Höchstens – und auch das nur vielleicht – in den Auslassungen. Was ein wenig wohl auch der elliptische Kern dieses reizvoll melancholischen Romandebüts ist, dessen Autor in Bremen einst Germanistik und Politikwissenschaft studiert hat und 2014 das Bremer Autorenstipendium erhielt.

Ein Rezensent nannte Böhms Strategie recht treffend „Wiederverzauberung der Welt“. In diesem wundersamen Spiegel erkennen wir auch das eigene Befremden über die Welt, in der wir leben, wieder.

Weiterlesen:

Philipp Böhm: „Schellenmann“, 224 Seiten, 20 Euro, Verbrecher Verlag.

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