Schorsch Kamerun in Bremen

Unnormal ist nicht fatal

Bremen - Von Lars WarneckeDen Hang zur Experimentierfreude besaß er ja schon immer, der Schorsch, der Kamerun, Sänger der legendären Politpunkband „Die Goldenen Zitronen“. Mit seiner Solo-Performance am Freitagabend im Kleinen Theater am Bremer Goetheplatz schoss der selbst ernannte Weltenverbesserer allerdings den Vogel ab – auch wenn dieser batteriebetrieben war.

Ein Blatt nach dem anderen rieselt vom Notenständer zu Boden. Darauf abgedruckt: die Lyrics des neuen Albums, das Kamerun mit Band präsentiert. „Der Mensch lässt nach“, so der Titel des unlängst erschienenen Spätwerks, da entbehrt es keineswegs einer gewissen Ironie, dass Texsicherheit – zumindest an diesem Abend – offenbar nicht zu den Stärken des rotschopfigen Endvierzigers gehört. Kamerun selbst nimmt’s gelassen: „Ich habe die Texte extra nicht auswendig gelernt, damit alles haargenau wie auf CD klingt“, redet sich der Protagonist heraus und verspricht: „Heute Abend wird abgeliefert!“

Ja, man ahnte es schon nach den einleitenden Worten: Hier macht kein Punk-Opa auf Halbstark, jemand, der sein eigenes Erbe aus längst vergangenen Zitronen-Zeiten immer und immer wieder zitiert. Hier präsentiert sich ein mittlerweile zum Theaterregisseur gereifter Mann, ein Exzentriker durch und durch, der die Inszenierung beherrscht und sie sich auch für diesen Abend bravourös zu eigen machen wird.

Eines ist dabei festzuhalten: Zu sagen hat Kamerun noch immer reichlich – in einer Form, die man ob der ganzen Eigenwilligkeit, dem Sprechgesang, den feinen elektronischen Störgeräuschen, den furztrockenen Techno-Beats oder den auf dem Klavier dargebrachten Disharmonien, entweder abgrundtief hassen oder himmelhochjauchzend lieben kann.

Als hagerer Messias in Turnschuhen und wallendem Gewand sowie in Begleitung dreier Musiker, hebt er seine noch immer prägnant-rotzige Stimme gegen die Kriegstreiber dieser Welt, zeigt im Song „Kinderzimmer“ sozialen Netzwerken den ausgestreckten Mittelfinger oder ätzt gegen den Jugendwahn. Dabei folgt das Konzert keinem Spannungsaufbau, wie man es von Kamerun als Theatermenschen vielleicht hätte erwarten können. Stattdessen schafft er es über die recht kurze Spielzeit von knapp 70 Minuten, vieles improvisiert wirken zu lassen. Dann zum Beispiel, wenn er eine Bierflasche als Klangkörper nutzt. Oder im nächsten Moment wie ein stures Kind drei, viermal wild mit den Füßen aufstampft.

Und dann das: „Das ist das Fatale, das Unnormale ist das Normale“, krächzt der Zitronen-Sänger mantraartig ins Mikrofon, während er einen künstlichen Weißkopfadler mit batteriebetriebenen Flügelschlag durchs Publikum reichen lässt. „Lasst ihn durch Eure Hände fliegen!“, fordert er die Menschen auf. Kitsch, Pathos, Sozialkritik und Lebensweisheiten eines Mannes, der mehr als 30 Jahre auf der Bühne steht und sicher niemandem mehr etwas beweisen muss, stehen bei Schorsch Kamerun mittlerweile sehr viel näher, als so manchem Zuschauer an diesem Abend lieb und recht gewesen wäre.

Doch wer sich auf diese schwere Kost einließ, die hier und da eingestreute Ironie richtig zu deuten wusste, das normale Unnormale im Song-Potpourri des Künstlers nicht als fatal abtat, der konnte loslassen von der goldenen Ära der „Goldenen Zitronen“ – ganz ohne eine langes Gesicht zu ziehen.

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